Warum der „Aufbau Ost“ noch dauert

Die internationale Wirtschaftspresse zieht 20 Jahre nach dem Mauerfall eine wirtschaftliche Bilanz. Die Financial Post befürchtet eine Beschneidung der Investorenfreiheit. La Tribune wundert sich über Frankreichs Kurswechsel Richtung Deutschland. Der Business Standard sagt Asien eine neue, globale Führungsposition voraus. Fundstück: Schlechte Wirtschaft, gute Filme.

20 Jahre nach dem Mauerfall vermitteln Wirtschaft und Geschäftskultur der neuen Bundesländer nach Ansicht von BusinessWeek noch immer ein heterogenes Bild: „14.000 Unternehmen wurden geschlossen oder privatisiert, rund vier Millionen Arbeitsstellen gingen verloren. Inzwischen gibt es Regionen, die prosperieren, aber auch Gebiete, die unter Bevölkerungsschwund und Arbeitslosigkeit leiden.“ Positiv sei anzumerken, dass manches der neuen Bundesländer wohl nur noch zehn Jahre brauche, um an die schwächeren der alten Bundesländer heranzureichen. Zudem meistere Ostdeutschland die Krise besser, weil es hier mehr kleine und mittelständische Betriebe gebe, die flexibler agieren als Großunternehmen. „Doch Erfolgsmodelle wie Jena, Dresden oder Berlin kontrastieren deutlich mit ländlichen, isolierten Gebieten. Schätzungsweise 1,5 Milliarden Euro an Subventionen, die seit der deutschen Einheit geflossen sind, vermochten es nicht, hartnäckige Probleme wie niedrige Produktivitätsraten und Löhne sowie geringeren Reichtum in den ärmeren Regionen der ehemaligen DDR zu lösen“, kommentiert das US-Wirtschaftsmagazin. Letztlich hätten die neuen Bundesländer nur eine Chance, wenn dort technologieintensive und auf Spezialwissen ausgerichtete Industrie- und Dienstleistungsunternehmen gefördert würden. „Dazu bedarf es einer gut ausgebildeten Bevölkerung, eines neuen Zustroms von jungen Leuten und einer weiterführenden Entwicklung der Unternehmenskultur.“

Die Financial Times Deutschland unterhält sich mit Hans-Werner Sinn über ökonomische Fehler der deutschen Einheit. Der Präsident des Ifo-Instituts sieht das Hauptproblem in der Lohnentwicklung: „Die Politiker haben eine ökonomische Grundweisheit auf den Kopf gestellt, die jeder Student im ersten Semester lernt: Wenn man eine Marktwirtschaft gründet, kann man zwar die Erstausstattungen an Vermögensrechten weitgehend nach Belieben zuteilen, doch darf man danach nicht mehr in das System der Preise und Löhne eingreifen.“ Die künstliche Lohnangeleichung habe die Massenarbeitslosigkeit möglicherweise verstärkt und Investitionen verhindert. Mit Bick auf die Privatisierungen hätte man Joint Ventures zwischen Treuhandanstalt und internationalen Investoren anstreben sollen, „das hätte die Belegschaften in den Ostfirmen zusammengehalten.“

Grundsätzlich positiv bewertet die Financial Times den Mauerfall und die Entwicklung der neuen Bundesländer sowie der osteuropäischen Staaten danach. „Mit dem Wegfall der Trennlinie in Deutschland, ja in Europa, wurde der Weg geebnet, um den kalten Krieg zu beenden, Demokratie und freie Marktwirtschaft zuzulassen und die Europäische Union zu vergrößern.“ Zwei Jahrzehnte später sei klar, dass der Zusammenbruch des Kommunismus große politische und wirtschaftliche Vorteile gebracht habe. „Trotz der Probleme mit globalem Terrorismus, mit dem Mittleren Osten und der globalen Wirtschaftskrise hat der Wegfall der Rivalitäten zwischen den Supermächten die Welt sicherer, freier und reicher gemacht.“ Zwar gebe es noch immer Schwierigkeiten bei der wirtschaftlichen Integration von Ostdeutschland und der osteuropäischen Staaten, wo der Lebensstandard hinter westlichen Standards zurückliege. Und die Wirtschaftskrise verzögere die Bemühungen, die Lücken zu schließen. „Aber mit harter Arbeit kann es geschafft werden.“

Investorenfreiheit in Gefahr

Einen Angriff auf die Freiheit von Investoren befürchtet die Financial Post aus Kanada. Anlass ist die Arbeit des Rotman International Centre for Pension Management an der Universität von Toronto: Die Wissenschaftler planten, das Renten- und Pensionssystem weltweit zu revolutionieren. Sie empfehlen, dass Regierungen künftig Pensionsfonds managen, weil Investoren nicht vertrauenswürdig seien. Es sei sogar darüber nachzudenken, ob Menschen gezwungen werden könnten, Geld für ihren Ruhestand über staatliche Fonds anzulegen. Grundlage für diesen Ansatz sei eine neue Schule innerhalb der Wirtschaftswissenschaften, die so genannte „Verhaltensökonomie“. Sie behaupte, dass zu große Freiheit und zu große Auswahl Investoren verwirren und dazu bringen, falsche Entscheidungen zu treffen. Das Resultat sei ein „massives Versagen des freien Marktes.“ Ziele der neuen Schule seien deshalb, mehr Steuern zu erheben, Fonds von Investoren zu zentralisieren und Wettbewerb und individuelle Wahl zu beschränken. „Es werden also nicht nicht nur die Banker kontrolliert und die Märkte beschränkt, nur wird wohl auch bald die Freiheit der Investoren beschnitten“, warnt das Blatt.

Kurskorrektur nach Osten

Mit Erstaunen registriert La Tribune einen Kurswechsel an der französischen Spitze: Präsident Nicolas Sarkozy habe das Ende der Erholungsphase ausgerufen und Premierminister François Fillon versuche dies zu erklären. Den Grund für diesen Kurswechsel vermutet das französische Wirtschaftsblatt in der „Obsession, die Fillon für Deutschland hegt.“ In einem Interview mit Le Monde habe er vom östlichen Nachbarland geschwärmt: „Die Strategie der Deutschen, aus der Krise herauszukommen, sei beeindruckend: eine schnelle Rückkehr zu ausgeglichenen Bilanzen, massive Steuersenkungen und Maßnahmen zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.“ Wenn sich Frankreich nicht ein Beispiel an Deutschland nehme und weiterhin Schulden anhäufe, riskiere die Grande Nation, unter das Joch ihrer Gläubiger zu geraten. Fillons Aussage stelle nicht nur die geplante Staatsanleihe in Frage. Nach der offen befürworteten „Hyperverschuldung“ Frankreichs komme er nun mit einer neuen „Hypersparsamkeit“. Solch ein Kurswechsel sei nicht normal. Aber: „Ein Kurs muss ja möglichst rasch festgelegt werden. Offenbar vorzugsweise mit Deutschland.“

Bewegung auf Spaniens Fernsehmarkt?

Die Wirtschaftszeitung El Economista untersucht den spanischen Fernsehmarkt auf mögliche Fusionen. Auf die Gunst der Marktanalysten könnten die Fernsehsender wegen hoher Umsatzeinbußen aufgrund ausbleibender Werbeeinnahmen derzeit nicht hoffen, stellt die Zeitung fest. Allerdings sei es möglich, dass die Talsohle bereits durchschritten und der Unterhaltungssektor im Aufwärtstrend sei. Aber selbst wenn sich zum Beispiel La Sexta mit Antena 3 und Cuatro mit Telecinco zusammenschließe, verspreche das Ergebnis kaum Synergieeffekte. Zu klar definiert seien Konzept und Zielgruppe jedes einzelnen Senders. Mit dem Abschalten des analogen zugunsten des digitalen Fernsehens vervielfache sich die Anzahl der angebotenen Kanäle zusätzlich. Jeder neue Kanal müsse mit markenauthentischen Inhalten gefüllt werden – und benötige entsprechende Ressourcen. Deshalb sei eine Fusion der großen Fernsehsender untereinander eher nicht zu erwarten, schlussfolgert die Zeitung.

Asien vor einer neuen Führungsposition?

Der indische Business Standard spekuliert über die Bedeutung Asiens nach der Wirtschaftskrise. Ein Zurück zur alten Weltordnung werde es nicht geben, vielmehr zeichneten sich neue Strukturen ab. Asien werde eine neue Position einnehmen, allerdings würden bisherige Aktivitäten und Verhaltensweisen herausgefordert, damit der Kontinent Vorteile daraus schöpfen kann. „Asien hat das Potenzial, ein Drehkreuz für globale Finanzaktivitäten zu werden.“ Doch eine solche Führungsposition in der globalen Wirtschaft verlange auch eine Führungsposition in Bezug auf Denkweisen und Innovationswillen. Ebenso sei wichtig, dass die Standards in der Staatsführung verbessert und der sich verändernden Gesellschaft Rechnung getragen werde. Für einen reibungslosen Aufstieg Asiens zur künftig führenden Wirtschaftsregion müssten sich die maßgeblichen Länder gegenseitig stützen und gute Beziehungen zum Rest der Welt pflegen. Außerdem müsse Asien sicherstellen, dass sein Aufstieg auch von anderen Regionen wie Lateinamerika und Afrika akzeptiert werde.

Obama poliert sein Ansehen auf

Den aktuellen Vorstoß gegen Chinas Exportbeschränkungen bei der Welthandelsorganisation glaubt der Business Spectator aus Australien zu durchschauen. Die USA, Europa und Mexiko hatten sich bei der WHO beschwert, nun solle sich ein Ausschuss mit den chinesischen Praktiken beschäftigen, die zu hohen Rohstoffpreisen auf den Weltmarkt führten. Es liege auf der Hand, warum China Rohstoffe horte: „So können die Preise im Inland niedrig gehalten und Überkapazitäten vermieden werden – letztere könnten zu Entlassungen und damit zu Protesten führen. Auch die neue Richtlinie, Umwelt und Ressourcen zu schonen, sind ein Grund.“ Interessant aber sei der Zeitpunkt des Vorstoßes aus Sicht der USA. „Warum diese Anklage, wo Präsident Barack Obama gerade in dieser Woche nach China reisen will? Es gibt genug Spannungen zwischen den beiden Staaten, warum eine weitere zufügen?“ Die Antwort liege in Obamas innenpolitischem Ansehen. „Von der US-Strategie in Afghanistan, Irans Nuklearprogramm und den Beziehungen zu Russland bis hin zur Arbeitslosigkeit und Gesundheitsreform: Obama steht vor gewaltigen Problemen. Ein Weg, das Land zu 100 Prozent hinter sich zu bringen, ist offenbar, auf China zu zielen.“

Fundstück: Schlechte Wirtschaft, gute Filme

Zu interessanten Ergebnissen kommt das US-Wirtschaftsmagazin Forbes bei einer Analyse der aktuellen Entwicklungen in Hollywood. So lasse die Wirtschaftskrise auf bessere Filme hoffen: „Zwischen Januar 2006 und Dezember 2007 hat sich eine regelrechte Blase gebildet: Banken, Hedgefonds und Reiche lieferten sich einen harten Kampf, die Qualität blieb dabei auf der Strecke.“ Heute bekomme keiner mehr eine Finanzierung – außer vielleicht Steven Spielberg. Es würden weniger Filme gemacht, und damit auch bessere. „Die Hollywood-Produzenten konnten sich jahrelang auf Geld von wenig cleveren Investoren verlassen, doch das gibt es jetzt nicht mehr.“ Zwar werde künftig mehr Geld aus Indien oder China in das US-Filmgeschäft fließen, doch so „blöd“ wie die Wall-Street-Banker seien die Investoren dieser Länder nicht. Ein Insider gegenüber dem Blatt: „Ich habe es nie erlebt, dass Chinesen sinnlos Geld in ein Projekt investiert hätten: Sie lernen beständig und wissen, wie man Deals macht.“

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florian Käfer.

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