Die internationale Wirtschaftspresse debattiert über den Ausfall des Eurostar und fordert den Rücktritt von Eurostar-CEO Richard Brown. Die Financial Times Deutschland plädiert für einen Rückzug des Staates. Expansión freut sich über das Weihnachtsgeschenk für Ferrovial. Fundstück: Botox statt Sonnenbank.
Nachdem der Eurostar seit Tagen lahm liegt, plant das Betreiberunternehmen, den Schneeschutz in seinen Lokomotiven zu verbessern, berichtet Bloomberg . Regierungsverantwortliche in Frankreich und Großbritannien sagten, sie würden das Problem untersuchen, während das Unternehmen eine unabhängige Untersuchung in Auftrag gab. Eurostarsprecher Paul Gorman habe in London erklärt, die schwülwarme Umgebung in dem 48 Kilometer langen Tunnel habe das elektrische System in den Zugmotoren beeinträchtigt. In der 15-jährigen Geschichte des Eurostar seien Vorfälle “zuvor nicht in diesem Ausmaß vorgekommen”. “Es ist nicht akzeptabel, dass der Verkehr für mehrere Tage blockiert ist”, zitiert das Wirtschaftsmedium den französischen Transportminister Dominique Bussereau. Wenn es ein Problem mit Außenkälte und Tunnelhitze gibt, müssen wir einen Weg finden, es zu lösen, fordert er.
Schlechtes Wetter sei nicht das einzige Problem des Eurostar, hält BusinessWeek fest. Der in den Elysée-Palast zitierte Eurostar-Vorstand Guillaume Pépy verweise auf das Wetter. Tunnelbetreiber Eurotunnel erinnere daran, dass die Frachtzüge schließlich einwandfrei liefen und zeige mit dem Finger auf Eurostar und den Hersteller der Personenzüge. Zughersteller Alstom wiederum informiere darüber, dass die Eurostarzüge mechanisch identisch mit den Hochgeschwindigkeitszügen TGV und auch anderen Schnellzügen seien, die regelmäßig durch schneereiche Regionen reisten. “Kein solches Problem ist jemals beim TGV aufgetreten”, zitiert das Blatt eine Alstom-Sprecherin, “auch nicht in den 15 Betriebsjahren des Eurostar”. Nachdem ähnliche Probleme bei englischen Zügen durch neue Filter gelöst worden seien, verwende nun auch Eurostar solche Filter, erläutert ein altgedienter Fachjournalist gegenüber dem Blatt. Doch die Frage, die nun gestellt werden müsse, sei nicht, was den Ausfall verursacht habe, so das Blatt, sondern warum die Passagiere derart schlecht behandelt worden seien.
So sieht das auch das Wall Street Journal : Selbst Montagabend, als die Reisepläne zehntausender Menschen zerbröselten, schien das Unternehmen immer noch keine Entschuldigung für nötig zu befinden, ärgert sich das Blatt. Und verweist auf den Ratschlag des Zugbetreibers an seine Kunden, im Zweifel nicht oder lieber etwas später zu reisen. “Kein Hinweis darauf, dass Familienfeiern von dem Versagen des Eurostar ruiniert sein könnten”, ärgert sich das Blatt. Und nicht nur, dass die versprochenen Entschädigungen kaum der Rede wert seien. Das Unternehmen bitte auch noch um Verständnis, wenn die Bearbeitung seines Entschädigungswunsches acht Wochen in Anspruch nehmen könne. “Das allein sollte den Rücktritt von Eurostar-CEO Richard Brown rechtfertigen”, fordert das WSJ, “was auch immer die Gründe für das außerordentliche Versagen des Zuges sei.”
Weniger Staat in der Wirtschaft
Die Financial Times Deutschland kritisiert, Deutschland zocke sich mit Kurzarbeitergeld, Steuersenkungen auf Pump und Bürgschaften überall durch die Krise. “Es wird Zeit, den Einsatz zu verringern und wieder den Markt machen zu lassen”, so die FTD. Ihren Sinn hätten die kostspieligen Konjunkturmaßnahmen gehabt, “um die verwundbaren Seelen der deutschen Konsumenten und Arbeitnehmer zu schützen”. In den Monaten nach der Lehman-Pleite sei das genau richtig gewesen. Nun, da die Marktkräfte in der Realwirtschaft wieder zu wirken begännen, sei es an der Zeit für einen Rückzug des Staates. Fehlentwicklungen gebe es vor allem auf dem Kreditmarkt, wo durch Interventionen Unternehmen künstlich am Leben erhalten würden. “Der Öffentlichkeit wird vorgegaukelt, dies geschehe zum Nutzen der Firmen, die Kredite brauchen. Tatsächlich sind es in vielen Fällen vor allem die Banken, denen geholfen wird, Abschreibungen zu vermeiden”, ist das Blatt überzeugt. Der Einsatz für dieses Pokerspiel sei gefährlich hoch, warnt die FTD. Der unterdrückte Wettbewerb komme das Land, das jeden Cent brauche, viel zu teuer. Und mit ihm werde zudem die Chance der Unternehmen verspielt, sich wieder fit für den Wettbewerb zu machen.
Mehr Staat in der Finanzdienstleistungsbranche
Das Mutterblatt, die britische Financial Times , beobachtet derweil amüsiert den Wettbewerb der diversen Bankchefs darum, “wer etwas wirklich Dummes zu sagen hat”. Preisträger bis vor ein paar Tagen noch: Lloyd Blankfein von Goldman Sachs. “Mr. Blankfein, Leser werden sich erinnern, erklärte, dass wir nicht zu hart zu Bankern sein dürften, weil sie Gottes Werk verrichteten”, erinnert die FT. Gottes eigener Banker, sei sein Titel seither. Nun dagegen erhebe Stephen Hester, Vorstandsvorsitzender der britischen Royal Bank of Scotland, verspäteten Anspruch auf die Trophäe. Die Politiker, die die Finanzdienstleistungsindustrie gerettet hätten, “sollten nun alles wieder in die Hände derjenigen legen, die das Desaster verursacht hätten”, gibt das Blatt wieder. Doch wie, nach den Ereignissen des vergangenen Jahres, könne irgendwer glauben, dass die Politik sich aus dem Bankgeschäft zurückziehen könne oder sollte? Im Gegenteil, hält die FT fest: “Eine Finanzdienstleistungsindustrie wieder aufzubauen, die breiteren Interessen als denen der Banker diene, erfordert mehr Politik.”
Bescherung für Ferrovial
Über ein wahres Weihnachtsgeschenk könne sich die englische Tochter von Ferrovial, BAA, freuen, berichtet die spanische Wirtschaftszeitung Expansión. Rechtzeitig zum Weihnachtsfest habe der zuständige englische Gerichtshof dem Einspruch von BAA gegen den Beschluss der britischen Wettbewerbsbehörde stattgegeben, das Infrastrukturunternehmen müsse drei seiner sieben englischen Flughäfen verkaufen. Begründung: Ein Mitglied der Wettbewerbsbehörde habe möglicherweise in einem Interessenkonflikt gestanden. Dank dieses Urteils müsse sich BAA über den Zwangsverkauf des Flughafens in London Stansted und eines weiteren in Schottland wohl keine Gedanken mehr machen, vermutet das Blatt. Lediglich Gatwick, den zweitgrößten englischen Flughafen, habe BAA im Vorfeld für 1,6 Milliarden Euro bereits an Global Infrastructure Partners verkauft. Auch der Aktienkurs habe von dieser positiven Nachricht profitiert und einen leichten Anstieg von 1,44 Prozent verbucht, kommentiert die Zeitung.
Saab nun wieder begehrter
Der niederländische Sportwagenhersteller Spyker habe sein Kaufangebot für die schwedische General-Motors-Tochter Saab kurz vor Ablauf der Frist am Montagabend bis auf weiteres verlängert, berichtet die schweizerische Handelszeitung. Aus Sicht von Schwedens Regierung sei das ein Hoffnungsschimmer, nachdem GM auch zuvor bereits die Abwicklung Saabs angekündigt habe. Am Wochenende seien nun weitere neue Gebote bei GM eingegangen. Und die schwedische Regierung erwägt nun auch, umgerechnet gut 52 Millionen Euro bereitzustellen, um im Fall der Fälle eine Abwicklung zu verhindern.
Fundstück: Botox statt Sonnenbank
Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet über die Steuerauswüchse der nun in der ersten Runde beschlossenen amerikanischen Gesundheitsreform. Botoxhersteller Allergan stemmte sich letztlich erfolgreich gegen die angedachte Fünf-Prozent-Steuer auf Botoxspritzen. Die Steuer werde nicht nur wohlhabende Frauen treffen, sondern besonders hart auch die Mittelklasse, argumentierte der Hersteller und startete eine Kampagne gegen die “Botax” getaufte Steuerinitiative auf Facebook. Gerade arbeitende Frauen machten einen großen Anteil an den Patientinnen aus. Der Fraktionsführer der demokratischen Mehrheit, Harry Reid, ließ den Plan daraufhin fallen. Und ersetzte ihn durch eine Zehn-Prozent-Steuer auf Sonnenbankbesuche. Welchen gesundheitspolitischen Sinn dieser Gesinnungswandel macht? Die Sonnenbänke waren wohl das leichtere Ziel, nachdem das Gesundheitsministerium über Krebsrisiken aufgrund der Strahlen gewarnt hatte, zitiert die Nachrichtenagentur eine Analystin von Capitol Street. Nun beginnt die Sonnenbankindustrie über die Sonnenbanksteuer zu klagen. Weihnachten geht die Reform in die nächste Entscheidungsrunde. Ein Sprecher Reids sagt hierzu, man arbeite sehr hart daran, fair zu sein. Und immerhin führe die Gesundheitsreform netto zu Steuerentlastungen für die Amerikaner.
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