PR-Coup oder Notbremse von Google?

bigbrotherDie internationale Wirtschaftspresse ist mit Blick auf den möglichen Rückzug von Google aus China geteilter Meinung. Veckans Affärer zeigt, wie sich der schwedische Finanzminister über Schwedens Banken ärgert. La Tribune belächelt die geplante Steuer auf Bankerboni in Frankreich. Auf die Region Ostasien müsse man in Zukunft setzen, ist der Business Standard aus Indien überzeugt. Fundstück: Von Lehman in den Nachtclub

Nach einem Hacker-Angriff legt sich der Internetriese Google mit der kommenden Supermacht China an. Die Amerikaner akzeptieren die chinesische Zensur nicht mehr und prüfen den Rückzug aus dem Wachstumsmarkt.

Das Wall Street Journal glaubt, dass die Gratwanderung von Google zwischen den chinesischen Behörden und denjenigen, die sich für eine freie Meinungsäußerung ausgesprochen hätten, am Ende nicht mehr möglich gewesen sei. Anti-Zensur-Aktivisten hätten Google vorgeworfen, zur weltweiten Ausbreitung von Zensur beigetragen zu habeen. Andererseits hätten auch die chinesischen Behörden Druck auf die Amerikaner ausgeübt, die die Suchergebnisse nicht so stark gefiltert hätten wie der Marktführer Baidu. Im vergangenen Jahr sei Google von staatlich kontrollierten Medien massiv dafür angegriffen worden, Porno-Seiten nicht scharf genug herausgefiltert zu haben.

Der Economist geht davon aus, dass die chinesische Regierung jetzt Angst davor habe, dass der Google-Protest von vielen chinesischen Internetnutzern gefeiert werden könnte. Aus diesem Grund fehle in vielen Berichten von chinesischen Medien der eigentliche Grund des angedrohten Rückzugs; chinesische Webseiten hätten die Nachricht komplett „beerdigt“. Doch die vielen Beiträge von Chinesen in Diskussionsforen sowie die vor der chinesischen Google-Zentrale abgelegten Blumen zeigten, dass die Zensurbemühungen der Regierung gescheitert seien.

Das Manager Magazin erkennt in Googles China-Kehrtwende einen „grandiosen PR-Coup“. Das US-Unternehmen lehne sich gefahrlos gegen die Internetzensoren im fernen Osten auf. Einen wirtschaftlichen Schaden müsse Google dort ohnehin nicht fürchten. „Die Suchmaschine ist in China seit ihrem Bestehen dort erfolglos, kommt gegen den heimischen Platzhirschen Baidu nicht an. Offenbar hat der US-Konzern nun die Hoffnung aufgegeben, jemals in China das große Geld zu verdienen – und inszeniert sich selbst als Hüter der Privatsphäre und des Datenschutzes.“

„Das war aber auch Zeit, Jungs“, applaudiert Bloomberg den Google-Gründern Sergey Brin und Larry Page. Es sei „widerlich“ und „unpassend“ gewesen, dass ausgerechnet diejenigen, die mit der Fahne des Informationszeitalters gewunken hätten, dazu beigetragen hätten, dass China seine 1,3-Milliarden-Bevölkerung im Dunkeln gelassen habe. Der Schritt sei richtig, obwohl die Google-Aktionäre darüber nicht froh sein könnten – der Suchmaschine drohten jährlich 600 Millionen Dollar durch die Lappen zu gehen –, während die Baidu-Investoren vor Freude in die Luft springen dürften. „Die Kollegen aus der Technologie-Branche sollten sich ein Beispiel an Google nehmen und nicht mehr ihre Seelen an die kommunistische Partei Chinas verkaufen.“

Schwedens Banken unter Beschuss

Sehr provokant sei die Bonuspolitik der Banken im vergangenen Jahr gewesen, empört sich der schwedische Finanzminister Anders Borg. Sollte sich die Branche nicht an die neuen Rahmenbedingungen der Finanzinspektion halten, drohe eine weitere Verschärfung des Regelwerks, so Borg. Laut des schwedischen Wirtschaftsmagazins Veckans Affärer hätten die jüngsten Medienberichte über die schwindelerregende Höhe der Boni aus dem Krisenjahr 2009 den Finanzminister verärgert. Bei der SEB seien die Rücklagen für Bonuszahlungen sogar höher als der Konzerngewinn. Da die Gewinne größtenteils durch den Einsatz öffentlicher Gelder zustande gekommen seien, habe die Öffentlichkeit und auch die Regierung wenig Verständnis für das „Absahnen“ im Bankensektor. Finanzminister Anders Borg sei jedoch nach wie vor zuversichtlich, dass die Branche zur Vernunft kommen und die Möglichkeiten des neuen Regelwerks der Finanzinspektion ausschöpfen werde. Demnach könnten Bonuszahlungen auf mehrere Jahre verteilt oder sogar ganz einbehalten werden.

Strafsteuer für Banken?

Die französische Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde hat bestätigt, dass die neue Steuer auf Bankerboni der Staatskasse 360 Millionen Euro einbringen werde. Lediglich 2500 Händler der Seine-Metropole seien von dieser Abgabe betroffen, lacht die französische Wirtschaftszeitung La Tribune, denn die von der Ministerin mit Stolz verkündeten Zahlen seien in Wahrheit ein weiterer Beweis für die Bedeutungslosigkeit des französischen Finanzstandorts, würde doch die gleiche Steuer in der Londoner City bis zu sechs Milliarden Pfund in die britische Staatskasse spülen und das Einkommen von 20.000 „Finanz-Mozarts“ schmälern. Auf welchem Weg Barack Obama die Wall-Street zur Kasse bitten werde, bleibe spannend zu sehen, meint die Zeitung. Da die Besteuerung der Bonuszahlungen in der Hochburg des freien Kapitalismus anscheinend leicht zu umgehen sei, arbeite die US-Administration mit Hochdruck an alternativen Möglichkeiten, das Haushaltsloch von 120 Milliarden Dollar zu stopfen und die US-Banken in ihrer Maßlosigkeit wirkungsvoll zu beschränken.

Repsol-Chef stellt Vertrauensfrage

Bis Freitag solle der Vorstand von Repsol Klarheit schaffen, ob das spanische Unternehmen ihn weiterhin unterstütze, zitiert die Wirtschaftszeitung Expansion die Forderung des derzeitigen Präsidenten von Repsol, Antonio Brufau. Seit Monaten krisele es zwischen dessen Geschäftsführung und Großaktionären des spanischen Energieriesen, darunter Sacyr und La Caixa. Beiden sei eine rasche Ablösung des seit 2004 in der Geschäftsführung von Repsol aktiven Brufau von der Spitze des Unternehmens wichtig. Vor allem das von ihm vorgelegte Strategiekonzept für die nächsten Jahre stoße bei den Aktionären auf Kritik, da es die Rentabilität von Repsol gefährden könne. Für Brufau stehe mit der geforderten außerordentlichen Vorstandssitzung viel auf dem Spiel. Denn nicht nur den strategischen Kurs des Unternehmens wolle der Präsident öffentlich bestätigt sehen, sondern auch seine persönliche Führungsrolle in trockenen Tüchern wissen, kommentiert die Zeitung.

Eine starke Region

Auf die Region Ostasien müsse man in Zukunft setzen, ist der Business Standard aus Indien überzeugt. Denn dort finde man wohl die am schnellsten wachsende Wirtschaftszone. Beachtlich sei vor allem das rapide Anwachsen des Handels innerhalb des ASEAN-Bundes (Verband Südostasiatischer Staaten) von 34 auf 52 Prozent. Mit dem im Januar in Kraft getretenen Freihandelsabkommen zwischen China und den ASEAN-Ländern sei nun auch die drittgrößte Freihandelszone nach der EU und der Nordamerikanischen Freihandelszone entstanden – gemessen am Umschlagvolumen. Die weltweiten Handelsstrukturen scheinen sich zu verändern, beobachtet das Blatt. Eine Folge davon sei, dass der westliche Markt für asiatische Exporte kleiner werde. Amerikaner geben weniger für importiere Waren aus und die Europäer mit ihren „Myriaden von Problemen“ könnten dies nicht ausgleichen. So sei es nur allzu logisch, dass China und die ASEAN-Länder sich mehr und mehr den Märkten der eigenen Region zuwenden. Und diese könne aus solch einer Entwicklung als noch selbstbewussterer Wirtschaftsblock hervorgehen.

Fundstück: Von Lehman in den Nachtclub

Im Finanzportal Here is the City erzählt eine frühere Fixed Income Sales-Mitarbeiterin bei Lehman Brothers, wie sie nach dem Niedergang des Instituts die Branche wechselte und als Striptänzerin mit dem Künstlernamen Amazing Grace in einem Nachtclub anheuerte. Wie ihr erster Tanz ein Reinfall wurde – zwar sei das Publikum begeistert gewesen, sie habe es aber versäumt, den Körper-Kontakt zu zahlungswilligen Männern zu suchen, weshalb man ihr kein Geld ins Höschen gesteckt habe. Wie sie Gefallen am neuen Job gefunden, aber stets Angst gehabt habe, einen früheren Kollegen im Publikum zu entdecken. Und wie sie schließlich mit dem Tanz an der Stange richtig absahnte.

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florian Käfer, Fridolin Pöschl.

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird.

2 Kommentare zu “PR-Coup oder Notbremse von Google?”


  1. 1 MichaelG

    Die “Story” auf “Here is the City” ist offenbar fiktiv und hat daher in einer Presseschau nichts zu suchen.

    (Bitte bis zum Ende lesen, wo die strippende Exbankerin sich um Haaresbreite davor rettet, in einem abgelegenen Fabrikgebäude von einem korrupten Polizeibeamten ermordet zu werden, und den von ihm gefangengehaltenen kleinen Jungen befreit, den dessen Kumpan entführt hat, der Hedgefund-Tycoon, der kurz zuvor wegen Insider-Trading (Satyam) festgenommen im Gefängnis Selbstmord begangen hat, nicht lange nachdem er die Erzählerin als sein $4000/Tag-Escort zum World Economic Forum nach Davos mitnahm… etc.)

  2. 2 Daniel Lenz

    Das sehe ich anders: Das “Fundstück” ist immer ein bunter Text, also nicht rein nachrichtlich. Gleichwohl ist das natürlich interessant, ob das fiktiv ist oder nicht. Offenbar war es gar nicht so unüblich, vom Bankschalter ins Striplokal zu wechseln: http://tinyurl.com/ykhuwr9

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