Berlin schürt den Sozialneid

Die internationale Wirtschaftspresse sucht nach den eigentlichen Schuldigen in der Affäre um Steuerhinterziehung in der Schweiz. Die Börsen-Zeitung lobt das große Kino von Josef Ackermann. Affärsvärlden zeigt, wie die Swedbank in der Boni-Frage trickst. ilsole24ore kritisiert den Ruf von Fiat nach staatlicher Hilfe. Fundstück: Rettet den „NACKTien-Händler“.

Die Financial Times Deutschland berichtet, dass die Fahnder bei ihrer Jagd nach Steuersündern eine deutsche Wirtschaftsgröße im Visier hätten: den Münchner Industriellen Robert Schuler-Voith, der mehrere Millionen Euro über einen Trust auf den Kaimaninseln vor dem deutschen Fiskus versteckt haben soll. Die Familie Schuler-Voith gehöre zu den reichsten in Deutschland; 2004 habe sie auf Rang 87 der Forbes-Liste rangiert, mit einem Vermögen von rund 900 Millionen Euro. Die Hausdurchsuchung in München stünden in Verbindung mit weitreichenden Ermittlungen gegen Kunden der Schweizer Privatbank Julius Bär – der fragliche Trust soll über die karibische Niederlassung des Instituts gegründet worden sein, die Julius Baer Bank & Trust Company (JBTC).

In der Neuen Zürcher Zeitung wirft der Berliner Publizist Richard Wagner der deutschen Regierung vor, sich durch die Jagd auf deutsche Steuersünder mit Schweizer Konto auf das „weite Feld des Sozialneids“ zu begeben. Der Staat erwecke den Eindruck, das im Land zusammengekommene Geld sei irgendwie auch Staatsgeld und sollte zumindest im Notfall den Behörden zur Verfügung stehen. „Der vormundschaftliche Staat macht sich mit seiner Idee der Supervision des gesellschaftlichen Lebens auch in dieser Frage in fragwürdiger Weise bemerkbar.“ Tatsächlich aber deponierten die Deutschen ihr Geld in der Schweiz, weil die Lage hierzulande „frustrierend“ sei. Die Schweiz und ihre Banken nutzten die einschlägigen Defizite, vor allem in den großen Nachbarländern. „Kleine Staaten profitieren von der Asymmetrie zu den großen, aber auch von deren zum Teil krassen Fehlern.“

Das Wirtschaftsblatt aus Österreich wirft der deutschen Regierung vor, mit dem Kauf der Daten-CD Unrecht mit Unrecht zu vergelten. Dass die österreichische Regierung selbst jetzt mit dem Zeigefinger auf die Schweiz zeige, sei amüsant. „Anstatt selber Transparenz zu üben und das Bankgeheimnis aufzugeben, lachen wir uns ins Fäustchen, da die ,bösen’ Schweizer Anleger steuerschonend anlocken und nun bloßgestellt werden.“ Dabei habe auch Österreich bis vor kurzem auf der grauen Liste der OECD-Steuertransparenz-Muffel gestanden. Schätzungsweise 70 Milliarden Euro lägen auf österreichischen Bankkonten, die von deutschen Steuerzahlern stammten. Fazit der Wirtschaftszeitung: Eine Austrocknung der Steueroasen und Transparenz müssten her, und zwar weltweit.

Großes Kino von Josef Ackermann

Die Börsen-Zeitung lobt Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann für seinen Auftritt bei der Jahrespressekonferenz. Sein „ausgewogenes Verhältnis von nonchalanter Sachlichkeit, gebremstem Stolz auf das Erreichte, demonstrativer Zuversicht in die künftigen Chancen sowie authentisch wirkender Demut vor der höheren Macht von Politik und Regulatoren“ sei „großes Kino“ gewesen. Auch dass die Bank mit Dividende geize, um das Kapital zu stärken, sei vorbildlich – bei seinem vernünftigen Umgang mit knappen finanziellen Mitteln in Krisenzeiten könnten sogar schwäbische Hausfrauen und Berliner Politiker noch etwas lernen. Schließlich verdiene die Bank hohen Respekt dafür, wie sie ein ganzes Geschäftsmodell, das sich durch große Volumina und kleine Kapitalunterlegung ausgezeichnet habe, durch ebenso renditeträchtige, aber offenbar nachhaltigere Aktivitäten kompensiert habe.

Spanien ein zweites Griechenland?

Die spanische Wirtschaftszeitung Cinco Días sieht schwache Nerven als Ursache für den Einbruch des IBEX am Donnerstag um fast sechs Prozent, so stark wie seit November 2008 nicht mehr. Insbesondere institutionelle Anleger befürchteten, dass die Volkswirtschaft Spanien zu einem zweiten Griechenland werden könne, vermutet die Zeitung. Schon seit einigen Tagen nehme das Misstrauen ausländischer Anleger spürbar zu. Grund dafür sei wohl auch die Tatsache, dass „Gurus“ und Wirtschaftsforscher zunehmend vor einer sehr schleppenden Erholung der spanischen Wirtschaft warnten. Dagegen sei selbst Santander-Chef Emilio Botín machtlos, dessen Optimismus mit Blick auf das politischen Krisenmanagement und den baldigen Aufstieg Spaniens zu alter Blüte in der Flut der Negativmeldungen verhalle.

Schwedische Bonusvariante

Vergangene Woche noch habe Swedbank Rückgrat bewiesen und Boni in Höhe von 400 Millionen Kronen eingefroren, berichtet Affärsvärlden aus Schweden. Nun aber wolle die schwedische Großbank mit einem simplen Trick den Unmut einiger Schlüsselpersonen aus der Investmentabteilung Swedbank Markets besänftigen. Statt Boni gebe es nun eine Erhöhung der fixen Gehälter. Davon profitierten allerdings nur rund 30 Personen. Eben jene, die intern „revoltiert“ und mit Kündigung gedroht hätten und jetzt im Durchschnitt mit einem Gehaltsplus von 1,3 Millionen Kronen rechnen könnten. Allerdings gelte die Lohnerhöhung nicht rückwirkend, so die offizielle Version der Bank. Irgendwie verwirrend, meint Affärsvärlden dazu: Beschreibe eine Lohnerhöhung in Zukunft die Vorgehensweise, Bonuszahlungen zu stoppen und eine Woche später doch auszubezahlen?

Gegenwind für den Fiat-Chef

Die Zukunft des maroden Fiat-Werkes in Termini Imerese an staatliche Anreize zu binden, sei keine Lösung, zitiert ilsole24ore die Vorsitzende des Industrieverbandes Confindustria, Emma Marcegaglia. Es müsse differenziert werden zwischen der notwendigen staatlichen Unterstützung aller notleidenden Sektoren der Wirtschaft und dem Problem einer einzelnen Produktionsanlage, die aus verschiedensten Gründen nicht effektiv arbeite. Der Verlust von Arbeitsplätzen sei ein ernstes Thema, das ein Engagement von Fiat und der Regierung fordere. Doch bisher habe Fiat-Chef Sergio Marchionne nur mit einem Aufruf zur Stablilität und Sicherheit durch staatliche Beihilfen reagiert, kritisiert das Blatt.

Fundstück: Rettet den „NACKTien-Händler“

Mister „Dumm gelaufen“ ist inzwischen zu einer kleinen Web-Berühmtheit avanciert. Gemeint ist der Macquarie-Mann, der während eines Fernseh-Interviews mit seinem Kollegen sich im Hintergrund mit Nacktfotos eines australischen Models vergnügt (hier das Video, hier der Bericht des Handelsblatt). Der Mann heißt, wie jetzt berichtet wird, David Kiely, wartet inzwischen zu Hause auf die Entscheidung seines Arbeitgebers, wie mit ihm zu verfahren ist – und hat im Netz offenbar viele Fürsprecher. Das Londoner Finanzportal Here is the City hat eine Kampagne „Save Dave“ gestartet, in der Dave-Freunde dazu aufgefordert werden, per Mail an Macquarie gegen die drohende Entlassung des Bankers vorzugehen. Angeblich haben schon Tausende mitgemacht. „Er scheint ein netter Bursche zu sein“, begründet das Portal sein Engagement. Und „Es gibt schon genug Political Correctness in der Welt.“ Die schönste Headline zur Kiely-Berichterstattung hatte übrigens bild.de: „Hier guckt ein Börsianer die NACKTien-Kurse“

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

Mitarbeit: Cornelia Bruckner, Florian Käfer, Fridolin Pöschl

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird.

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