Die internationale Wirtschaftspresse liefert erste Erklärungen für den Rücktritt Léo Apothekers als SAP-Chef. BusinessWeek begutachtet die neue Billigfluglinie von David Neeleman. Die New York Times weiß die Wahrheit über das Defizit im US-Haushalt. Fundstück: Hank Paulson, der Retter der Finanzwelt.
„Völlig überraschend“ komme der Rückzug Léo Apothekers als SAP-Chef, meint die Financial Times. Noch vor zwei Wochen habe dieser gegenüber der Zeitung angekündigt, dass ein leichter Anstieg bei der Investitionsbereitschaft der SAP-Kunden zu verzeichnen sei und die Umsätze des Konzerns in 2010 zwischen vier und acht Prozent steigen würden. „Apotheker zeigte sich zudem überzeugt, dass der SAP-Marktanteil gegenüber dem Hauptkonkurrenten Oracle wachsen würde.“ Hasso Plattner, einer der Gründer von SAP, habe dagegen jüngst Sorge geäußert zur Richtung, die SAP derzeit nehme. „Apotheker wurde kritisiert für Verzögerungen bei der Einführung einer online-basierten Software für kleine und mittelständische Unternehmen. Auch der Versuch, die Wartungskosten in Zeiten der Finanzkrsie zu erhöhen, kam nicht gut an.“
Das Wall Street Journal hat erste Einschätzungen von Analysten eingeholt. So meine ein Forrester Research-Analyst, dass die Entlassung Apothekers nicht überraschend komme. Schon 2009, als Apotheker zum CEO berufen worden sei, hätte SAP dringend „frisches Blut“ gebraucht. Dass allerdings nun wieder eine Doppelspitze eingeführt werde, zeige, dass es keinen Nachfolger gebe, der in die Fußstapfen Apothekers treten könne. Ein Analyst der kalifornischen Altimeter Group sieht ebenfalls in der Doppelspitze nicht die ideale Besetzung: „SAP muss sich auf sein Können und neue Produkte fokussieren. Bill McDermott ist ein hervorragender Verkäufer, doch das Problem ist nicht der Verkauf, sondern die Produktpalette.“ McDermott und Jim Hagemann Snabe brauchten nun eine starke Vision für Produkte, um SAP wieder auf den richtigen Weg zu bringen.
David Neeleman bringt Brasilianern das Fliegen bei
BusinessWeek begutachtet Azul Linhas Aéreas Brasileiras, das jüngste Projekt von JetBlue-Gründer David Neeleman. Die Investmentfirma TPG sei gerade mit 30 Millionen Dollar in die südamerikanische Billigfluglinie eingestiegen, der mit 2,2 Millionen Fluggästen im ersten Geschäftsjahr ein Rekord gelungen sei. Neeleman, der bei JetBlue nach einem Wintersturm in 2007 mit zahlreichen gestrandeten Passagieren vom JetBlue-Vorstand gefeuert worden war, wolle den Brasilianern das Fliegen beibringen. „Er will die 52 Prozent der Haushalte des Landes locken, die zwischen 600 und 2.500 Dollar pro Monat verdienen, aber bislang vor allem Bus fahren.“ Seine Mittel: Kostenfreier Transfer zum Flughafen, Ticketpreise in Höhe von Busfahrkarten, Snacks an Bord so viel man mag. Und Neeleman sei oft auf Flügen dabei, wie in alten Zeiten bei JetBlue. „Darin aber liegt das Problem: Auch wenn JetBlue unter seiner Führung traumhafte Wachstumsraten schaffte, die Kosten drohten schon bald zu explodieren.“ Noch sei Azul eine junge Airline mit jungem Personal und neuen Flugzeugen. „Die Gewinnmargen werden aber zwangsläufig unter Druck geraten, wenn die Kosten steigen und die Konkurrenz erstarkt.“
US-Politiker sind ein Desaster
„Die Wahrheit über das US-Defizit“, übertitelt die New York Times eine Analyse zum neuen Haushalt der Regierung Obama. „Das Weiße Haus will mehr Geld ausgeben, um neue Jobs zu schaffen. Die Republikaner kritisieren das Programm als waghalsig, vergessen aber, dass es die Regierung Bush war, die das Haushaltsdefizit in die Höhe getrieben hat.“ So mancher Demokrat verliere langsam Nerven, doch Fakt sei nun mal, dass der Staat in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit und fragilen Wachstumsraten investieren müsse. „Sicher, ein hohes Defizit ist eine große Gefahr. Doch die Angsttreiber ignorieren die Tatsache, dass Stimuluspakete geringe Langzeitwirkungen haben, sie wirken temporär.“ Das wahre Problem sei, dass das Defizit steige, wenn sich nicht die Politik fundamental ändere: „Wir brauchen eine ernsthafte Gesundheitsreform, eine ernsthafte Steuerreform und wirkliche soziale Sicherheit, um die Kosten in Griff zu bekommen und das Defizit langfristig abbauen zu können.“ Ideen dazu gebe es eine Menge, doch fehle es an Politikern, die mutig handelten: „Hier haben wir von Demokraten zu wenig gesehen, und von den Republikanern gar nichts. Und das ist tatsächlich ein Desaster.“
Bittet Telefónica Google und Co. zur Kasse?
Telefónica wolle Suchmaschinenanbieter wie Google, Microsoft und Yahoo womöglich bald zur Kasse bieten, berichtet die spanische Wirtschaftszeitung El Economista. Es könne nicht angehen, dass Suchmaschinen das Netz des spanischen Betreibers nutzen, ohne sich an dessen Wartung und Instandhaltung zu beteiligen, zitiert die Zeitung César Alierta, den Präsidenten von Telefónica. Dieser überlege nun, wie er Google und Co. an den Kosten des Netzbetriebs beteiligen könne. Schließlich kümmere sich der Netzbetreiber um alles, lediglich Algorithmen und Inhalte kämen von den Suchmaschinen. Bei Internetnutzern sei die neue Haltung Aliertas indes auf wenig Gegenliebe gestoßen. Auf Plattformen wie Twitter, Menéame und diversen Blogs warnen sie vor der neuen Telefónica-Strategie und vermuten dahinter das Ziel, doppelt abzukassieren. Stromerzeuger wie Fenosa oder Endesa verlangten von Elektrogeräteherstellern schließlich auch keine Gebühren, damit deren Produkte das Stromnetz nutzen dürfen.
Ed Whitacre, der GM-Bulldozer
Eine „Bulldozer-Strategie“ bescheinigt Les Echos General Motors-CEO Ed Whitacre – passend zu seinem Bulldozer, den er gern auf seiner Ranch in Texas einsetze. „Whitacre ist ein Texaner durch und durch, keiner, der diplomatisch vorgeht oder das Spiel der Andeutungen beherrscht.“ Auch pflege er keinerlei Sentimentalität zu Detroit als Wiege des amerikanischen Automobilbaus. Sein Ziel sei vor allem eins: das Vertrauen in die GM-Führung wieder herzustellen. Dazu wolle er so schnell wie möglich zurück in die Gewinnzone und acht Milliarden Dollar Staashilfen aus den USA und Kanada zurückzahlen. „Ein hartes, schier unmögliches Unterfangen, betrachtet man die Perspektiven des US-Automarktes“, urteilt das französische Wirtschaftsblatt. Mit dem Bulldozer wurden zahlreiche Verbindungen zu Vertragshändlern gekappt und schwache Marken wie Hummer, Pontiac oder Saab abgestoßen. „Das ist wahrlich keine Expansionspolitik, wie sie Whitacre einst beim Telefonabieter ATT umgesetzt hat.“
Das Übel der Verschuldung
„Die wirtschaftliche Erholung steht noch immer auf wackligen Füßen“, deutet der Financial Express aus Indien die jüngste Erschütterung der globalen Märkte. Grund dafür seien Staatsverschuldungen. Habe man sich inzwischen auf die Problematik Griechenland einstellen können, drohe nun auch anderen Eurozonen-Länder die Verschuldung. Gefährdet seien Portugal, Spanien, Irland und Ungarn. Der mäßige Verkauf von Obligationen in Portugal habe die Märkte in der vergangenen Woche enorm ins Wanken gebracht. Die Schwäche einiger Euro-Länder setze auch die europäische Währung unter Druck. Zwar gebe es immer noch die Chance, die strukturschwachen Länder aus der Eurozone auszugliedern. Doch dies würde eine neuerliche Finanzkrise auslösen. Vernünftiger, so das Blatt, sei es, wenn starke Euro-Nationen wie Frankreich und Deutschland Druck auf die schwachen Nachbarn ausübten; diese müssten ihr Finanzsystem stabilisieren. In jedem Fall müsse verhindert werden, dass sich die „ansteckende Krankheit Verschuldung“ weiter ausbreite.
Fundstück: Hank Paulson, der Retter der Finanzwelt
„Wie wird man am besten sein Trauma über die Finanzkrise los? Schreib es dir von der Seele“, meint der australische BusinessSpectator zur soeben erschienenen Autobiographie von Hank Paulson. Kaum überraschend sei das Buch mit Kritik und Häme überzogen worden, und einige Rezensenten hätten hilfreiche Vorschläge für viel passendere Titel als „On the Brink (Am Rande des Abgrunds)“ geliefert, darunter „Hank Pauslons Brechreiz“, „Wie ich mein Vermächtnis sicherte“ oder „Der Tag an dem ich drohte, Ken Lewis die Beine zu brechen“. Wie übel die Selbstbeweihräucherung unter den Kritikern aufstoße, mache sehr gut ein Zitat aus dem Buch des ehemaligen Goldmann-Bankers selbst deutlich: In einem Abschnitt berichte Paulson, wie ihm seine Frau Wendy vorgeworfen habe, unfreundlich zu den Leuten zu sein. Seine Antwort: „Tut mir leid, aber ich bin nun mal in großer Sorge, dass die Welt zusammenbricht!“
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