Die internationale Wirtschaftspresse diskutiert mögliche Auswege für die Länder der Eurozone aus der aktuellen Finanzmisere. Die Börsen-Zeitung und die Financial Times Deutschland kommentieren die Rolle Hasso Plattners bei SAP. Expansión spekuliert über einen Börsengang der Bank Santander. Fundstück: Olympiade der Obdachlosen.
Zwar sei Griechenlands finanzielle Misere größtenteils hausgemacht, allerdings hätten fehlende Disziplinierungsmechanismen für Mitglieder der Eurozone die fortschreitende Verschuldung sogar noch angefeuert, meint das Wall Street Journal . Die Währungsunion brauche echte Sanktionsmöglichkeiten für Regierungen. „Die Eurozone könnte etwa einen Stabilitätsfonds einrichten, der von allen Euroländern getragen wird, und Anleihen im Wert von 100 Milliarden Euro herausgeben“, schlägt das Blatt vor. Zugang zu diesem Fonds sollten Regierungen in finanziellen Schieflagen erhalten – allerdings nur, wenn diese sich an die Bedingungen des Stabilitäts- und Wachstumspaktes hielten. Hält sich ein Land nicht an diese Regeln, dürfe es auch keine Rettungsaktion geben, und die Regierung müsste sich an den Internationalen Währungsfonds wenden. Ein solches Szenario würde die Regierungen „zu besserem Benehmen zwingen“. Der Fonds sei allerdings keine kurzfristige Lösung, könnte aber eine Wiederholung der jetzigen Situation verhindern
Auch die Financial Times widmet sich der Idee eines Europäischen Währungsfonds als künftigen Mechanismus für erfolgreiches Krisenmanagement in der Währungsunion. In der Variante des Brüsseler Thinktanks Center for European Political Studies (CEPS) würde dieser von den finanziell schwächsten Staaten getragen, berechnet nach dem, wie schwerwiegend die Verstöße des jeweiligen Landes gegen den Stabilitäts – und Wachstumspakt verstoßen. Eine solcher Währungsfonds werde vor allem Länder wie Deutschland schützen, die im Falle eines möglichen Staatsbankrotts Griechenlands vor einer „lose-lose Situation“ stünden. „Eine weitere verlockender Effekt dieses Plans sei die Minimierung des so genannten „Moral Hazard“ durch die theoretische Möglichkeit einer Staatspleite eines Eurolandes“, schreibt das Blatt. Die Autoren der Idee vom CEPS hätten in ihrer Studie gefolgert, dass die Politik nun nicht mehr das Scheitern verhindern, sondern sich auf das Scheitern vorbereiten müsse.
Der Business Spectator ruft Europa dringend zum Handeln auf, denn die Lage sei sehr ernst. Nach Griechenland könnten auch Spanien, Portugal und Irland ins Wanken kommen. Ein großes Risiko seien dabei mögliche milliardenschwere Abschreibungen bei deutschen und französischen Banken durch den Wertverfall der Staatsanleihen. Das zweite Risiko sei eine schwere Wirtschaftskrise in den betroffenen Ländern durch strikte Sparmaßnahmen, was wiederum zu Kreditausfällen führen könne. „Europa muss daher koordiniert vorgehen“, meint die Zeitung. Zunächst müsse Griechenland seine Fiskalpolitik anpassen. Da die nötigen Einschnitte wahrscheinlich zu tief sein würden und das Land in eine tiefe Wirtschaftskrise zu stürzen drohe, brauche es andere Finanzierungsquellen. „Zum Beispiel andere europäische Länder oder den IWF“, schlägt die Zeitung vor. Eine schnelle Lösung für griechische Problem gebe es allerdings nicht.
Der Wirtschaftsdienst Reuters stellt den „interessanten und provokativen“ Vorschlag des Finanzinvestors Warren Mosler vor, wie Europa seine Finanznöte loswerden könnte. Die Europäische Zentralbank solle demnach einfach eine Billion Euro drucken und sie unter den Ländern der Währungsunion verteilen – nach der Größe der Bevölkerung gerichtet. Mosler rechne damit, dass die Staatsausgaben dadurch nicht steigen würden, weil die meisten Staaten mit den Maastricht-Kriterien zu kämpfen hätten. Dadurch würde auch die Inflation nicht betroffen, die Schulden würden jedoch durchschnittlich um fünf Prozent des BIP sinken. „In Europa mache sich momentan ohnehin kaum jemand Sorgen wegen möglicher Inflation“, meint die Agentur. Die größte Frage sei natürlich, ob und wie die Europäische Zentralbank diesen Schritt gehen würde, besonders vor dem Hintergrund ihrer vielgerühmten Unabhängigkeit.
Der SAP-Gottvater ist zurück
Für die Börsen-Zeitung kommt der Wechsel an der Spitze des Softwarekonzerns SAP nicht überraschend. Bereits im Mai 2009, als Léo Apotheker allein an die Unternehmensspitze rückte, sei sein Vertrag nicht verlängert worden – alles andere als ein Vertrauensbeweis. Zwar lobe Aufsichtsrat Hasso Plattner seinen Ex-Manager, seine Seitenhiebe könnten jedoch kaum schmerzvoller sein. So soll aus SAP nach Plattners Worten wieder ein glückliches Unternehmen werden, und das Vertrauen der Kunden müsse zurückerobert werden. „Dem Vertriebsexperten McDermott in einer Doppelspitze nun den Technologieexperten Snabe zur Seite zu stellen ist mit Blick auf die von Plattner vorgegebene Innovationsoffensive wohl eine gute Entscheidung“, kommentiert das Blatt. Bezüglich des Umgangs mit Apotheker müsse sich der Aufsichtsrat jedoch Fragen gefallen lassen: „Wieso wurde ein Mann an die Spitze geholt, dem man offenbar nur für ein Jahr Vertrauen schenken wollte? Noch dazu in einer Wirtschaftskrise“, fragt die Zeitung. Die neue Doppelspitze stimme vielleicht Kunden und Mitarbeiter positiver, um das Vertrauen der Anleger müsse allerdings erst wieder geworben werden.
Nach Meinung der Financial Times Deutschland ist der wachsende Einfluss des SAP-„Gottvaters“ Hasso Plattners ein Fehler. So sei die Installation einer Doppelspitze in der Unternehmensführung überhastet gewesen und sehe nicht wie ein Meisterstück an Personalauswahl aus. „Einen der klügsten und kommunikativ stärksten Köpfe – Shai Agassi – hatte Plattner mit seiner Personalpolitik zuvor vergrault“, kritisiert das Blatt. Außerdem beiße sich Plattners Rolle als Berater der Führung mit der des Aufsichtsrats. Technologie und Produktentwicklung seien Kerngebiete des operativen Geschäfts. „Hier hat ein Aufsichtsrat nichts zu suchen“, ist sich die Zeitung sicher. Plattner müsse tun, was ihm offenbar am schwersten falle: „Er muss seinen eigenen Rückzug vorbereiten“.
Santander vor Börsengang in England?
Die spanische Wirtschaftszeitung Expansión kommentiert Spekulationen über mögliche Überlegungen der Bank Santander, einen Teil ihrer englischen Filiale an die Börse zu bringen. Von den erwarteten fünf Milliarden Euro zusätzlicher Einnahmen wolle die Bank womöglich weitere Bank-Übernahmen finanzieren. Zwar streite der Präsident von Santander, Emilio Botín, derartige Pläne bisher energisch ab, werde aber laut Brancheninsidern von Investmentbanken zum Börsengang geraten. Diese seien überzeugt, dass der Börsengang in England ein logischer Schritt sei, nach dem erfolgreich abgeschlossenen Börsengang der Santander-Filiale in Brasilien. Gegen den Börsengang in England spreche allerdings die Unsicherheit über geplante Änderungen in der Finanzregulierung Englands. Davon abgesehen sei Situation für Investoren auf dem englischen Markt immer noch äußerst unsicher. Niemand wisse, ob geplante Börsengänge anderer Unternehmen wie Travelport oder Engyco erfolgreich ausgehen werden, warnt die Zeitung.
Russland entsorgt Relikte der 90er
Ein weiteres Symbol der „Wilden Neunziger“ in Russland – die kleinen Wechselstuben – verschwinden demnächst von den Straßen der Städte, bedauert die Zeitung Vedomosti. Über zwanzig Jahre hätten die Geldwechsler treu ihren Dienst getan und meist bessere Kurse für Euro, Dollar und Co. geboten als die Banken. Nun habe die Zentralbank beschlossen, die Wechselstuben zu schließen. „Die offizielle Version, der Währungstausch außerhalb einer Bank sei ein Hort für Schwindler und Kriminelle, klingt fadenscheinig, schließlich hat die Polizei das schon seit Jahren gewusst und nichts unternommen“, meint das Blatt. Die geplante Schließung der Bankenlobby unterzuschieben, sei auch unangemessen, schließlich könne man die Wechselstuben kaum als Konkurrenz zu den Banken bezeichnen. „Die Wechselstuben sind ein Symbol ihrer Zeit und haben in den letzten Jahren an Popularität verloren, nun sollen sie wahrscheinlich einfach verschwinden wie die riesigen Märkte mit gefälschter Kleidung und die Großmütterchen, die Zigaretten und Zwiebeln an der Metro verkauft haben“, zeigt sich die die Zeitung nostalgisch.
Fundstück: Olympiade der Obdachlosen
Im Vorfeld der Olympischen Winterspiele fanden im kanadischen Vancouver die Poverty Olympics statt, berichtet das Wirtschaftsblatt aus Österreich. Das sei eine Erklärung für die hohe Zahl der Obdachlosen in der Stadt am vergangenen Wochenende. „Diese Feier der Armut in Vancouver abzuhalten, macht nicht nur wegen des Olympiaaustragungsortes Sinn“, meint die Zeitung. In der Stadt lebten auch übers ganze Jahr überdurchschnittlich viele Obdachlose, zudem soll die Kinderarmut im Bundesstaat British Columbia die höchste in ganz Kanada sein. „Darauf wollten die Obdachlosen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln aufmerksam machen. Ganz nach dem olympischen Motto: Dabei sein ist alles“, so das Blatt.
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