Eines muss man Guido Westerwelle lassen: Manchmal ist er ein witziges Kerlchen. Wenn auch nicht immer freiwillig. Sein Temperamentsausbruch, der deutsche Sozialstaat erinnere ihn an „spätrömische Dekadenz“, ist schon ein historischer Vergleich von besonders erlesener Komik. Vor allem, weil eine prägende Erscheinung der Spätphase des römischen Reiches eine durch und durch korrupte politische Elite war.
Überhaupt war der Ausbruch des Außenministers aus Anlass des Bundesverfassungsgerichtsurteils zu Hartz IV eine hübsche Slapstick-Nummer. Schließlich hat das Gericht schon in früheren Urteilen festgestellt, dass das Menschenwürde-Gebot in Artikel 1 des Grundgesetzes den Staat zur Sicherung des Existenzminimums verpflichtet. Das ist nicht ganz so lange her wie die spätrömische Dekadenz. Aber schon so lange, dass es dem gelernten Juristen Westerwelle zu Ohren gekommen sein dürfte. Oder sagen wir mal: sollte.
Vielleicht findet sich der Schlüssel zum Verständnis des Spätromvergleichs auch in einer früheren unvergessenen Slapsticknummer des Oberliberalen, der denkwürdigen Reaktion des damals noch designierten Außenministers auf die in englischer Sprache gestellte Frage eines BBC-Journalisten. Vor diesem Hintergrund lässt sich Westerwelles wundersamer Vergleich als heimlicher Hilferuf verstehen: „Ich weiß selber, dass es mit meinem Englisch nicht weit her ist“, scheint er uns zurufen zu wollen, „warum stellt mir nicht endlich jemand eine Frage auf Latein?“
Mag aber auch sein, dass es gar nicht der Sozialstaat ist, der bei Westerwelle diese gewagte Assoziation hervorgerufen hat, sondern der Alltag in der Regierungskoalition. Bekanntlich war auch in der verkommenen politischen Klasse des spätantiken Rom das Hauen und Stechen an der Tagesordnung. Allerdings im Unterschied zu heute nicht nur bildlich gesprochen. Bei den alten Lateinern gab es auch schon mal in echt einen Dolch in die Innereien. Ob Westerwelle insgeheim fürchtet, dass es in der schwarz-gelben Koalition bald genauso zugehen könnte?
Man stelle sich nur vor: Guido „Crassus“ Westerwelle, der sich gerade als einzig legitimer geistiger Erbe der römischen Optimaten zu erkennen gegeben hat, fiele etwa einer von Horst „Gaius“ Seehofer angezettelten neo-popularischen Coniuratio Bavariae zum Opfer. Das wollen wir dann doch trotz allem nicht hoffen. Wo er doch manchmal so ein witziges Kerlchen ist.



“Der, der gegen den Wind pinkelt!”
fällt mir dazu bei Westerwelle nur ein. Prima Artikel übrigens, gibt leider nicht mehr viele echte Journalisten in diesem zunehmend gleichgeschalteten Land, leider. Weiter so!