„Der Planet überlebt den Materialismus nicht“

haeusler_stiglitzDer Hamburger Journalist Martin Häusler (Foto: li.) hat auf Reisen rund um den Globus nach den Visionären von heute gesucht. In seinem Buch „Die wahren Visionäre unserer Zeit“ (Scorpio Verlag) porträtiert 15 Vordenker und Pioniere, von Jakob von Uexküll über Bibi Russell bis hin zu Han Shan. ecolot.de präsentiert das Kapitel über Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz (Foto re.) als Leseprobe.

Vom rebellischen Chefvolkswirt der Weltbank zum gefeierten Nobelpreisträger – Wie der begehrteste Krisen-Redner nicht müde wird, für ein neues, gerechtes Weltwirtschaftssystem zu werben und die Vertreter des alten Wachstumsdenkens umzuerziehen

Es ist der Tag, an dem die US-Presse von der offiziellen Rückkehr der Gier berichtet. 23 der wichtigsten heimischen Geldinstitute – teilweise durch Rettungspakete der Regierung Obama subventioniert – wollen ihre Investmentmanager mit 140 Milliarden Dollar Gehalt und Bonuszahlungen für das Jahr 2009 belohnen. Es ist der Tag, an dem bekannt wird, dass in Europa Dutzende Banker ihre Bonuszahlungen für 2008 einklagen. Es ist der Tag, an dem das Internet berichtet, dass Bankkunden wieder höchst spekulative Zertifikate, also Wetten auf Kursverläufe von Preisen und Märkten, aufgeschwatzt werden. Es ist der Tag, an dem die UNO verkündet, dass inzwischen über eine Milliarde Menschen auf der Erde Hunger leiden. So viele, wie seit 1970 nicht. Grund für die alarmierende Zunahme: die weiterhin schwelende Weltwirtschaftskrise. Es ist der Tag, an dem der Senegalese Jacques Diouf, Chef der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft, einen dramatischen Appell an die Industrienationen richtet, genauso schnell, gemeinsam und kraftvoll wie im Falle der Weltwirtschaftskrise auf die globale Ernährungssituation zu reagieren. „Die technischen und ökonomischen Voraussetzungen sind gegeben“, sagt er. „Was fehlt, ist der politische Wille, den Hunger für immer auszumerzen.“ Es ist ein sehr milder Herbsttag in New York City. Die Sonne scheint, und in der Uris Hall auf dem Campus der Columbia University geht es zu wie in einem Bienenstock. Studenten und Studentinnen strömen in das Gebäude der Business School, die meisten verteilen sich über die Aufzüge in den verschiedenen Stockwerken, manche verschwinden in der Bibliothek, an die 50 haben eine lange Schlange gebildet, um sich eine Impfung gegen die Schweinegrippe geben zu lassen.

In dem Trubel, annähernd unbemerkt, ein Mann Mitte 60, gekleidet in Grau, in der Hand ein Plastikbeutel mit einem Softdrink und einem Rosinenbrot-Sandwich. Er sieht abgekämpft aus. Letzte Nacht ist er von einer einwöchigen Vortragsreise durch Europa zurückgekehrt. Er wird gleich mit dem Lift in den achten Stock fahren. In seinem Büro mit der Nummer 814 wartet bereits ein dreiköpfiges Journalistenteam aus Japan, um ihm die letzten Weisheiten zur Weltwirtschaftskrise zu entlocken. Eigentlich müssten ihm die Studenten dort unten in der Lobby zu Füßen liegen oder zumindest hinter vorgehaltener Hand über ihn tuscheln. Denn dieser Mann ist Joseph Stiglitz, legendärer Nobelpreisträger im Wirtschaftsfach und seit Jahren die treibende Kraft im Kampf um ein nachhaltiges globales Finanzsystem.

Sind sich diese ambitionierten Studenten im Erdgeschoss eigentlich darüber bewusst, wie prekär die Lage ist, worauf unsere Gesellschaft zusteuert und in welcher Verantwortung sie als Führungselite bald stehen werden? Joseph Stiglitz fällt zu der Frage eine Anekdote ein, die so frisch ist wie die Krise selbst. Frühjahr 2009, der Bankenkollaps ist in vollem Gange. Horrormeldungen fast täglich. Stiglitz unterrichtet den Grundlagenkurs für Makroökonomie, das Herzstück seines Faches. Das, was Stiglitz vermittelt, ist der Stoff, aus dem sein Nobelpreis ist. Im Kern geht es um seine Erkenntnis, dass Märkte nicht perfekt sind, dass sie unterschiedlich und unvorhersehbar reagieren und dass irgendwann aufgestellte westliche Wirtschaftstheorien über frei, eigenständig und effizient arbeitende Wirtschaftssysteme längst ihre Glaubwürdigkeit verloren haben und sogar als sozialer Spaltpilz wirken. Die Unwuchten von Märkten und instabile Systeme, so eine weitere Hauptthese des Ökonomen, rühren her von Informationsdefiziten, von einem (gesteuerten) Ungleichgewicht entscheidender Kenntnisse.

Es ist die letzte Einheit des vierteiligen Kurses, dessen erster bis dritter Teil vorher von anderen Kollegen geleitet wurde. „Ich machte eine außerordentliche Erfahrung“, sagt Stiglitz, nachdem die Japaner sein Büro verlassen haben und es ein wenig ruhiger wird. „Am Ende des Kurses kamen einige Studenten zu mir und fragten, warum sie ihre Zeit mit den alten Theorien der anderen verschwenden mussten, die doch offensichtlich irrelevant und untauglich geworden sind.“

Die Kollegen des Nobelpreisträgers hantierten immer noch mit den gerade jetzt offensichtlich überholten Theorien über effiziente Märkte und vertraten offensiv genau den neoliberalen Finanzfundamentalismus, der in die Krise geführt hat. „Es gibt sie noch, die Kollegen, die glauben, die Globalisierung habe einen wunderbaren Nutzen für die Armen. Ich finde es nach wie vor bemerkenswert, welchen Widerstand einige meiner Kollegen in Anbetracht der globalen Lage an den Tag legen. Das Fatale ist: Falsche physikalische Ideen scheren ein Atom wenig, falsche wirtschaftliche Ideen hingegen können das Verhalten aller Handelnden beeinflussen. Leute, die diese Ideen vertreten, haben keine Ahnung von der Begrenztheit und Gefährlichkeit ihrer Theorien. Aber vielleicht helfen auch diese Perspektiven den Studenten, weil sie dadurch die Argumente der anderen Seite kennen lernen. Dadurch können sie womöglich hinterfragen, welche Anschauung wohl mehr der Realität entspricht. Das war für mich ein positives Zeichen dafür, dass sie verstanden hatten: Es tut sich etwas in der Welt, und die anderen ökonomischen Theorien sind Teil des Problems. Das hat mich ermutigt.“

Joseph Stiglitz lehrt seit 2004 in New York. Zwei Kurse pro Semester leitet er hier, einen dritten, dreiwöchigen Intensivkurs gibt er an der Universität von Manchester. Mehr geht nicht. Sieben Monate im Jahr ist der Nobelpreisträger unterwegs, als Sprecher, Berater, Motivator, Weltenretter. Stiglitz war Professor in Yale, Princeton, Oxford und Stanford, wurde Wirtschaftsberater von US-Präsident Bill Clinton, Chefökonom der Weltbank und Bestsellerautor systemkritischer Literatur. Er kennt wie kaum ein anderer die Innenansicht der krisenverantwortlichen Institutionen. Und er nennt sie wie kaum ein anderer beim Namen.

In allen Winkeln seines Büros in der Uris Hall zeichnen Bilder und Bücher die Karriere des berühmten Chefs ebenso nach wie die Einstellung seiner Mitarbeiter. Während sein eigener Schreibtisch verblüffend leer ist, stapeln sich im Rest der Stiglitz’schen Kampfzentrale die Papiere: aktuelle Studien, international veröffentlichte Artikel, Ausgaben seiner Erfolgswerke The Roaring ’90s und Making Globalization Work. An den Wänden hängen Ernennungsurkunden, eine merkwürdige Mischung aus Fotografien von Einstein, einem Bienenstock und dem Universum sowie eine amüsante historische Karikatur des Gesellschaftssystems zu Beginn des 20. Jahrhunderts. „Pyramid of Capitalist System“ steht über dem optischen Pamphlet der einstigen Gewerkschaften. Ganz oben dargestellt ist ein Geldsack. Darunter die mächtigen Staatsführer und die Losung „We rule you“ (Wir regieren euch). Darunter Vertreter der Kirche und die Losung „We fool you“ (Wir halten euch zum Narren). Darunter das Militär und die Losung „We shoot at you“ (Wir schießen auf euch). Darunter der Geldadel und die Losung „We eat for you“ (Wir essen für euch). Ganz unten die den Überbau stützende Arbeiterklasse mit der Losung „We work for all“ (Wir arbeiten für alle).

Was die Arbeiterklasse ausmacht, erfährt Joseph Stiglitz schon früh. Seine Heimatstadt Gary, gelegen am Südufer des Michigansees, wird 1906 als erstes großes Stahlzentrum der Vereinigten Staaten von Amerika gegründet. Allein der Name des Industriestandortes zeugt von den Prioritäten dieser Aufbruchszeit: Elbert H. Gary ist der damalige Chef der US Steel Company. Stiglitz’ Großeltern waren Mitte des 19. Jahrhunderts mit einer der ersten Auswanderungswellen aus Weißrussland und Polen in den mittleren Westen gekommen. Sie betreiben einen Textilienhandel, leben in Ohio und Indiana. Stiglitz’ Eltern ziehen 1939 nach Gary, wo vier Jahre später Sohn Joseph geboren wird. Die Schlote qualmen, Gary boomt. Durch Zuwanderung aus den Südstaaten wird die Stadt zum Schmelztiegel der Ethnien in einem ansonsten höchst rassistisch funktionierenden Amerika. Seine Familie aber lehrt ihn den Zusammenhalt. Die Mutter, eine Roosevelt-Verehrerin, ist eine von zwei weißen Lehrerinnen an einer fast ausschließlich von Schwarzen besuchten Grundschule. Sie will den Unterprivilegierten eine echte Zukunftschance geben. Noch nach ihrer Pensionierung kümmert sie sich hingebungsvoll um die Ausbildung von Schulabgängern, die ein Studium beginnen wollen, aber Schrift und Sprache nicht gut genug beherrschen. Der Vater ist selbstständiger Versicherungsagent und ein passionierter Streiter für Anstand und soziale Gerechtigkeit.

Bürgerrechte sind dem Demokraten wichtig, Gesetze, die den Wettbewerb ordnen, sowie moralische Grundregeln. Er hält es für selbstverständlich, für die Haushaltshilfe, die zweimal pro Woche kommt, Sozialabgaben zu zahlen. „Sie wird das Geld brauchen, wenn sie alt ist“, sagt er.
Josephs Onkel tickt ganz genau so. Als erfolgreicher und sehr wohlhabender Anwalt sympathisiert er mit den Gewerkschaften. Es ist dieses familiäre Fundament, das Stiglitz später gegen die Ungerechtigkeiten des globalen Finanzsystems kämpfen und für die Belange der Entwicklungsländer eintreten lässt. Und es ist die Sozial- und Wirtschaftsstruktur der Metropole Gary, die ihn sensibel macht für die engen Zusammenhänge zwischen Menschen und Märkten. Bis Mitte der 1960er Jahre wächst die Kommune. Berühmte Söhne und Töchter der Stadt, etwa die des Jackson-Clans, sorgen für ein passables Image. Dann beginnt der Niedergang. Die Stadt hängt am Tropf des Stahls. Leidet die Industrie, leidet Gary. Die Arbeitslosigkeit steigt, ebenso die Kriminalitätsrate. Zehntausende Bürger verlassen die Metropole. Heute ist die Einwohnerzahl von Gary sogar unter die 100000-Marke gesunken. Der Bürgermeister Rudy Clay spricht offen von Wiederaufbau – wie nach einem Krieg.

Die Grundschulzeit fordert den jungen Joseph nicht besonders. Es hätte intellektueller sein können, sagt er. Gary war nicht als akademisches Sprungbrett bekannt. Dennoch schaffen es allein in Josephs Jahrgang vier ambitionierte Jungs, ein Stipendium für die weiterführende College-Ausbildung zu bekommen. Ungewöhnlich viel für die Zeit und diesen Ort. Was Joseph Stiglitz allerdings zugute kommt, ist das kunstvolle Debattieren, das er sich in Extrakursen angeeignet hat. Wiederum sind es die politischen Themen, mit denen er auf diese Weise in Kontakt gerät.
Stiglitz studiert in Amherst, einem vergleichsweise kleinen College in New England mit lediglich 1000 ausschließlich männlichen Absolventen. Es ist ein liberales College, das viel Wert auf die moralische und künstlerische Bildung legt und dafür bekannt ist, nicht zu stark zu spezialisieren, sondern seinen Studenten eine breite Bildung in humanistischen Fächern, Naturwissenschaften und Soziologie zu vermitteln. „Wenn fähige, junge Menschen in einem Alter zusammenkommen, in dem sie ihre ganzen intellektuellen Fähigkeiten ausschöpfen können, ohne dass die Begeisterung bereits von der Erfahrung verwässert worden wäre; wenn diese Menschen auf Wissenschaftler treffen, wenn sie Zugang zu Bibliotheken mit der vollen Bandbreite menschlichen Wissens haben und in den Labors Gelegenheit bekommen, dieses Wissen zu ergänzen, dann entsteht etwas fast Mystisches“, beschreibt Charles Woolsey Cole den Charakter des Colleges, das er von 1946 bis 1960 als Direktor leitet. „Es entsteht ein Amalgam aus geistigem Wachstum, Persönlichkeitsbildung und dem Sinn für richtige Entscheidungen, getrieben von der Lust an der Weiterentwicklung. Diese vier Jahre bilden den Grundstein des Lebens. Sie befähigen die Absolventen, in Zeiten der Unsicherheit oder des heftigen Aufruhrs bei sich und ihrem Bewusstsein zu bleiben.“

Eine Gruppe aus drei Lehrern – Arnold Collery, James Nelson und Ralph Beals – schafft es, Stiglitz so sehr für die Ökonomie zu begeistern und sein Faible für Mathematik mit sozialen Fragestellungen in Resonanz zu bringen, dass er sich entschließt, den und nur den Weg zu gehen. Vorerst ohne Abschluss wechselt er auf das berühmte MIT, das Massachusetts Institute of Technology, eine Schmiede für Wirtschaftsexperten. Er verlässt Amherst aber nicht, ohne bleibenden Eindruck auch bei den Kommilitonen hinterlassen zu haben. Die hatten den rührigen Stiglitz zum Präsidenten des Studentenparlaments gewählt. Erst in seiner Antrittsrede eröffnete er dem erwartungsvollen Publikum, dass er vorhabe, den Einfluss der Bruderschaften zu beschneiden. Weil er das Gefühl habe, dass diese Verbindungen dem sozialen Zusammenhalt mehr schaden als helfen würden. Dieses Ansinnen machte Stiglitz nicht gerade beliebter, denn über 90 Prozent der Studenten waren in Verbindungen organisiert. Daher konnte er sein Vorhaben in der kurzen Zeit nicht zum Erfolg führen. Ihm war es aber gelungen, eine Sensibilität zu schaffen, die zehn Jahre später tatsächlich zur Abschaffung der Bruderschaften in Amherst führte.

Ein anderes Beispiel für den reformatorischen Gestaltungswillen des jungen Stiglitz war die Etablierung eines Studentenaustauschprogramms. Das klingt erst einmal unspektakulär. Seine Idee bestand jedoch darin, den Austausch nicht mit irgendeiner Lehranstalt zu vereinbaren, sondern mit dem Morehouse-Partnercollege in Atlanta, das ausschließlich von weißen Südstaaten-Jungen besucht wurde. Das hieß: Schwarze Studenten aus dem liberalen Norden bekamen die Möglichkeit, für zwei Wochen am Curriculum in Georgia teilzunehmen und umgekehrt. „Leute, die sich für so etwas einsetzten, wurden damals sogar getötet“, sagt Stiglitz. „Man stemmte sich in vielen Teilen der amerikanischen Gesellschaft gegen integrierende Maßnahmen.“ Aber Stiglitz konnte nicht anders. Er musste ausscheren aus der rassistischen Gedankenschiene seiner Landsleute. Er war auch einer der 250000 Demonstranten, die am 28. August 1963 am legendären „March on Washington for Jobs and Freedom“ teilnahmen, um die Worte Martin Luther Kings zu hören: „I have a dream that one day this nation will rise up and live out the true meaning of its creed: ‘We hold these truths to be self-evident: that all men are created equal!“ („Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages diese Nation erheben und die wahre Bedeutung ihres Glaubensbekenntnisses ausleben wird: ‚Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: Alle Menschen sind als gleich erschaffen!“). Der emotionale wie intellektuelle Eindruck dieser Veranstaltung auf Stiglitz ist immens. Nur indem er später mit diesem aufrichtigen und tief sitzenden Empfinden für Fairness, Gleichheit und Gerechtigkeit in die Wirtschaftspolitik geht, kann es zu jener kraftvollen und Energie freisetzenden Kernschmelze von Ethik und Finanzen kommen, von Herz und Geld, von Menschlichkeit und Mammon.

Am MIT ist der zukünftige Nobelpreisträger von anderen zukünftigen Nobelpreisträgern wie Paul Samuelson (1970), Kenneth Arrow (1972), Franco Modigliani (1985) und Robert Sollow (1987) umgeben. Viele Professoren stehen zwar für einen allzu liberalen Wirtschaftsstil, andere hingegen reflektieren über einen Perspektivwechsel. Mit ihrem Stil kommt Stiglitz gut zurecht. Der besteht darin, einfache und konkrete Fragen aufzuwerfen, um Lösungen für die wirklich wichtigen Probleme der Gegenwart herauszudestillieren, etwa für die wirtschaftliche Schieflage unterentwickelter Regionen der Erde, für ungesundes Wachstum, Armut oder Massenarbeitslosigkeit. Bisher als gültig angesehene Theorien entlarven Stiglitz und seine Mitstreiter – dazu zählt auch George Akerlof, mit dem er 2001 den Nobelpreis teilen wird – als unzulängliche und obsolete Annahmen. Wie die des wissenschaftlichen Urvaters der Volkswirtschaftslehre, Adam Smith, der im 18. Jahrhundert die Behauptung aufstellte, die Protagonisten freier Märkte würden „wie von unsichtbarer Hand“ geführt und kämen so immer zu effizienten Ergebnissen. Dies mochte bei als perfekt angenommenen Märkten so stimmen, aber nicht bei unvollkommenen. „Ja, in gewisser Weise waren wir Rebellen“, sagt Stiglitz. „Meine Motivation war es, Probleme zu verstehen und zu lösen. Wir wollten die akzeptierte Natur der Ökonomie verändern, indem wir ihr nicht bloß die Mathematik zugrunde legten.“ Er ist mit solcher Leidenschaft bei der Sache, dass er viele Nächte nicht zuhause, sondern in der Uni verbringt, und tagsüber seine Kommilitonen mit bis zu acht Stunden langen Vorlesungen penetriert.

Wofür kann sich Stiglitz so begeistern? Es sind die vielen leeren Stellen, die bisher nicht gründlich genug erforscht worden waren. Bisherige Modelle gehen davon aus, dass sich Märkte ewiglich stringent entwickeln und ihre Protagonisten sich rational verhalten. Stiglitz und seine Mitstreiter aber beziehen weitere Variabeln in die Berechnungen ein, die Finanzsysteme zu sehr fragilen und unsicheren Gebilden machen. Diese Fundamente von Stiglitz’ preisgekrönten Analysen zu Strukturen, Einflussfaktoren und Reaktionsweisen von Märkten entstehen in Yale. Und in Kenia.
Dorthin reist er 1969, gerade mal 26 Jahre alt, im Rahmen eines siebenjährigen Lehrauftrages. Joseph Stiglitz ist im Namen der Rockefeller Foundation in Kenia, um dem gerade von Großbritannien unabhängig gewordenen Land die ersten Schritte in die Weltwirtschaft zu erleichtern. Die Briten haben ein Chaos hinterlassen in einem Land, das eigentlich reich ist und über große Potentiale verfügt. Die Kontrolle über die begehrtesten Regionen obliegt immer noch den einstigen Besetzern. Zudem werden die Kenianer nicht wirklich in die Prinzipien der Staats- und Wirtschaftsführung eingeweiht und bleiben sich selbst überlassen. „Bei meinem ersten Aufenthalt lag der Geist von Uhuru, was in Kisuaheli ,Freiheit’ bedeutet, und von Ujama, was ,Selbsthilfe’ meint, in der Luft“, schreibt Stiglitz in seinem Buch Die Schatten der Globalisierung. Der Wille also ist da.

Er hört zu, stellt Fragen, gibt Hilfestellungen, trainiert die lokalen Kräfte. Bei seiner Rückkehr Jahre später trifft er tatsächlich auf gut ausgebildete lokale Finanzexperten in den Regierungsbüros, doch viel besser geht es dem ostafrikanischen Land nicht. Die Wirtschaft kommt nicht aus dem tiefen Tal heraus. Was zu einem großen Teil an der Zinspolitik des Internationalen Währungsfonds (IWF) liegt, eine Institution, mit der Joseph Stiglitz in seinem Leben noch häufiger aneinander geraten wird.

Kenia hinterlässt Ende der 1960er erhebliche Spuren. Denn der junge Stiglitz bemerkt vor Ort und am eigenen Leibe, dass die Wirtschaftspolitik des Westens ungerecht konstruiert ist und den Entwicklungsländern falsche Verhaltensweisen aufnötigt. Die Theorien, auf denen diese Politik basiert, seien außerdem viel zu kurz gedacht und zu statisch. Würde man daran nichts verändern, käme die Südhalbkugel nie aus ihrer Bittstellerposition heraus.

„Wir halten in unserer westlichen Welt sehr viel für selbstverständlich, ohne die Dinge, die uns jeden Tag begleiten, zu hinterfragen“, beschreibt Stiglitz den hilfreichen Perspektivwechsel. „In Kenia war ich gezwungen, jedes Detail von Grund auf neu zu analysieren. Wäre ich in einer Welt aufgewachsen, in der jeder den Status eines Landbesitzers gehabt hätte, hätte ich die Zustände möglicherweise akzeptiert. Aber weil ich inmitten der Arbeiterstadt Gary groß wurde, war ich den Kollegen gegenüber im Vorteil, die in wohlhabenden Vorstädten sozialisiert wurden. Mir war immer bewusst, dass es kein Wettbewerbsgleichgewicht gibt. Auch im Falle eines korrekten Verhaltens einiger Mitstreiter herrscht immer ein gewisser Grad von Diskriminierung. Diese alten Theorien waren falsch, und meine Aufgabe als Theoretiker war es herauszufinden, welche Grundannahmen die entscheidenden sind, um realistischere Modelle zu entwerfen.“

In den 1980er Jahren setzt sich Joseph Stiglitz für zwei Großprojekte ein, die wunderbar zu dieser Einstellung passen und seine Vision einer gerechten Finanzwelt spiegeln. Er kämpft für die Seneca Indianer, deren Stamm im Bundesstaat New York ein höchst unfairer Pachtvertrag untergejubelt werden soll – und dies, nachdem die Ureinwohner bereits viele Jahrzehnte lang ausgenommen wurden. Stiglitz berechnet eine Summe von rund einer Milliarde Dollar, die den Indianern in der Vergangenheit verloren gegangen war, weil sie nie entschädigt wurden, und hilft dadurch mit, dass der Folgevertrag weitaus gerechter ist. Der Erfolg seines zweiten medienwirksamen Auftrags bleibt allerdings aus. Diesmal geht es um den skandalösen Umgang mit natürlichen Ressourcen. In einem Großgeschenk an die amerikanische Mineralölindustrie versucht US-Präsident Ronald Reagan, schnell und schmutzig zahlreiche Förderplattformen auf hoher See zu privatisieren. Stiglitz, sein Ökonomie-Kollege Jeffrey Leitzinger und eine Umweltschutzorganisation stemmen sich dagegen. Letztendlich sind die Steuerzahler die Genarrten, mehrere Milliarden ihrer Abgaben verschwinden in den Kassen der Wirtschaft.

Anfang der 1990er Jahre sind die Stiglitz’schen Einsätze für ein Gleichgewicht der Märkte so bekannt und seine Theorien so gefragt, dass Bill Clinton ihn 1992 als wirtschaftlichen Berater in sein Kabinett holt. Damit beginnt die politische Karriere des parteilosen Stiglitz. Eine spannende Zeit, in welcher der Professor die Umwandlung der russischen Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft aus nächster Nähe erlebt und am Beispiel der Ostasienkrise von 1997 erfährt, wie sich ein Finanzkollaps ankündigt und was er alles mit sich reißen kann. Stiglitz arbeitet ressortübergreifend im Clinton-Team, gibt Empfehlungen für den Handel und die Kartellgesetze, für Energie und Verkehr, für Landwirtschaft und Gesundheit. „Und ich wurde wieder sehr stark mit Umweltfragen betraut“, sagt er. „Dazu gehörte die Ausarbeitung eines Gesetzes zur Besteuerung des Kohlendioxyd-Ausstoßes. Das war Pionierarbeit. Wir scheiterten damals mit dem Vorschlag. Heute wäre er in Anbetracht des Klimawandels wichtiger denn je.“ Viele andere Vorstöße und Denkansätze von Joseph Stiglitz prägen jedoch die Politik Clinton mit und führen zu neuen Debatten.

Als Sinnbild der politischen Stimmung sei hier nur ein Beispiel aus dem Stiglitz’schen Alltag in Washington geschildert. Der Kalte Krieg ist beendet, und es kommt zu Szenarien, die noch vor ein paar Jahren als völlig abwegig eingestuft worden wären. Ein Abrüstungsvertrag zwischen den USA und Russland wird geschlossen. Er sieht vor, dass ein amerikanisches Staatsunternehmen russisches Uran aus nuklearen Sprengköpfen der Roten Armee aufkauft, in die USA transportiert, es dort abreichert und so für Atomkraftwerke verwendbar macht. Mit den Einnahmen sollen die Russen ihr umfangreiches Kernmaterial besser unter Kontrolle halten, um es vor dem Zugriff sogenannter Schurkenstaaten oder Terroristen zu schützen. Eigentlich ein guter Deal. Doch die US-Uranproduzenten fühlen sich benachteiligt. Ihre Version: Russland verkaufe Uran zu Dumpingpreisen auf dem Heimatmarkt. Man beruft sich auf das „Gesetz gegen unlautere Handelspraktiken“, das ausschließlich zur Sicherung des US-Markts konzipiert wurde. Das Gesetz soll geändert werden, um den Abrüstungsbemühungen die Bahn frei zu machen. Doch die Änderung scheitert am Widerstand des Kongresses. Diese Anekdote erzählt er gern um zu versinnbildlichen, wie sich Profitinteressen der USA regelmäßig gegen die gute Sache durchsetzen.

Nach der ersten Legislaturperiode bittet Bill Clinton seinen Starökonomen zu bleiben. Doch der sieht woanders neue berufliche Perspektiven. Stiglitz ist erstaunt, wie leicht sich die US-Binnenwirtschaft doch insgesamt steuern lässt, und will sich nun einer weitaus schwereren Aufgabe zuwenden: der Bekämpfung der Armut auf der Erde, die Stiglitz als „grauenvolle Ungerechtigkeit“ ansieht. Vier Milliarden Menschen müssen damals mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen. Dem Chefökonom der Weltbank scheint das Ziel, diese perverse Statistik zu verändern, nicht übertrieben. Doch in den nächsten drei Jahren erfährt Stiglitz vor allem, warum sich die Welt in einem derartigen Ungleichgewicht befindet, das Gefälle zwischen Nord und Süd immer stärker wird und sich das Verhältnis zu Russland trotz Beendigung des Kalten Krieges nur äußerst langsam bessert.
„Eine meiner Bedingungen für den Job bei der Weltbank war, dass ich das, was ich in Bezug auf Strategien für Entwicklungsländer für richtig halte, auch öffentlich sagen darf. Falls sie einen Pressesprecher brauchten, sollten sie im PR-Metier suchen, habe ich ihnen verdeutlicht. Wollten sie aber einen progressiven Ökonomen, dann würden sie sich mit mir und meinen Vorstellungen arrangieren müssen. Ich habe mich damals als eine Art übernationalen Beamten gesehen, der unabhängig von politischen Interessen agieren kann.“ Die Weltbank akzeptiert die Forderung nach freier Rede.

Der Deal geht jedoch nicht lange gut. Stiglitz bemerkt sehr schnell, dass Weltbank wie IWF keine Organisationen sind, die sich gleichermaßen um die Belange aller Staaten kümmern, sondern stark von den Interessen der Industrienationen, besonders der USA, beeinflusst und gelenkt werden. Besonders der streitbare, konservative und immer noch mit den überholten Ökonomietheorien operierende Wirtschaftsprofessor Lawrence Summers macht ihm das Leben schwer. Summers ist von 1991 bis 1993 ebenfalls Chefökonom der Weltbank, danach Staatssekretär im Finanzministerium unter Bill Clinton, später gar Clintons Finanzminister, anschließend Universitätspräsident in Harvard und zuletzt wirtschaftlicher Berater der Regierung Obama. Keine schlechten Posten, zumal bei Chefs und Institutionen mit einigermaßen gutem Image. Doch Summers gilt als einer der größten Zyniker und Agitatoren des amerikanischen Großmachtdenkens. Nicht selten musste er seine Posten aufgrund von Skandalen räumen.
Hier eine Kostprobe: Anfang der 1990er äußerte sich Weltbank-Ökonom Summers zur Entsorgung von Giftmüll in einem Papier, das der Presse zugespielt wurde. „Die Verschmutzung sollte in dem Land mit den geringsten Kosten stattfinden. Das kann nur ein Entwicklungsland sein, in dem beispielsweise die Säuglingssterblichkeit sehr hoch ist.“ Die Menschen würden dort gar nicht erst das Alter erreichen, in dem sie beispielsweise an Prostata-Krebs erkranken könnten. In einem wohlhabenden Land aber, in dem Lebenserwartung höher ist, sei die Wahrscheinlichkeit einer solchen Erkrankung deutlich größer, woraus höhere Kosten entstünden. „Die ökonomische Logik, eine Ladung Giftmüll in dem Land mit den niedrigsten Löhnen loszuwerden, ist untadelig“, so Summers. Er sei schon immer der Meinung gewesen, dass Länder in Afrika deutlich unterverschmutzt sind.
Später folgten Äußerungen zur vermeintlich geringeren Befähigung von Frauen für Finanzen und Naturwissenschaften, deretwegen er in Harvard den Hut nehmen muss. Zuletzt machte er Schlagzeilen, weil er in seiner Zeit als Professor auch einen der größten US-Finanzanleger beriet und dafür über fünf Millionen Dollar einstrich.

Leute wie Summers (siehe auch das Kapitel über Jakob von Uexküll) scheinen die härtesten Widersacher zu sein auf dem Weg zu einer Weltordnung mit Anstand. So ist es Summers selbst, der Stiglitz in seinem neuen Job als Chefökonom der Weltbank vom US-Finanzministerium aus torpediert. Summers gefällt nicht, wie sich Stiglitz den sich öffnenden Ländern im Osten zuwendet. „Man wollte keine innovativen Diskussionen über Geldpolitik, sondern die Debatten, wenn überhaupt, im Geheimen führen“, sagt Stiglitz. „Alternativen zu den amerikanischen Modellen sollten nicht öffentlich werden.“ Als der russische Präsident Boris Jelzin die Weltbank um Rat zur Umstrukturierung des eigenen Finanzsystems bittet, will Joseph Stiglitz nach Moskau reisen. Dagegen legt das Finanzministerium vehement Einspruch ein. Stiglitz trifft sich trotzdem im Kreml. Derartige Konflikte ergeben sich regelmäßig, sodass dem Reformer eine zweite Amtszeit nur unter der Voraussetzung in Aussicht gestellt wird, dass er von seiner Prämisse, offen zu reden, Abstand nimmt. Natürlich lehnt einer wie Stiglitz ab.

Die Zeit in Washington beschert Stiglitz wichtige Einblicke, aber auch die Erkenntnis, dass das aktuelle System und er noch nicht zusammenpassen. Was Stiglitz erfährt, ist haarsträubend. Nicht nur, dass wichtige globale Institutionen von den Amerikanern unterwandert und politisch beeinflusst werden. Hinzu kommt, dass in ihnen Leute sitzen, die ihr Handwerk nicht verstehen. Stiglitz stößt allenthalben auf Fehlentscheidungen und wenig durchdachte Konzepte mit großem Zerstörungspotential. Wie im Falle des geschundenen Äthiopien, das in den 1980er und 1990er Jahren von Hungersnöten und Bürgerkriegen beherrscht wird. Stiglitz reist wenige Wochen nach Amtsantritt in den Nordosten Afrikas, um nach Lösungen zu suchen. Er trifft auf den sehr offenen und kooperationswilligen Ministerpräsidenten Meles Zenawi.

Die ganze Geschichte wäre zu lang. Wichtig ist Stiglitz hierbei zu verstehen, dass Rettungsaktionen wie die für Äthiopien nicht wegen der unterentwickelten Länder selbst, sondern aufgrund von Organisationen wie dem IWF extrem schwierig und kontraproduktiv verlaufen. Denn der Internationale Währungsfond fordert jedes Mal Zugeständnisse. Der Deal heißt: totale Liberalisierung des nationalen Marktes und Privatisierung staatlichen Eigentums gegen Kredite und moderate Zinsen. Die Entwicklungsländer sind in der Zwickmühle. Ein echter Ausweg wird ihnen nicht geboten. Sie haben die Wahl zwischen Ausbeutung oder Verarmung. Im Fall von Äthiopien gelingt es Stiglitz und anderen Volkswirten der Weltbank nach zähem Ringen, die Führung des IWF von neuen Krediten ohne weitere Zugeständnisse des Kreditnehmers zu überzeugen.

Doch Stiglitz lernt, dass es eines immensen Aufwands bedarf, das Gute durchzukämpfen. Organisationen wie der IWF seien undurchsichtig, schreibt er in seinem Bestseller Die Schatten der Globalisierung. Es würde nicht nur viel zu wenig Information von innen nach außen, sondern vermutlich noch weniger Information von außen nach innen gelangen. Der heftige Streit über die Vergabe von Krediten an Äthiopien hätten ihm die Augen über die Arbeitsweise des IWF geöffnet. „Es gab eindeutige Beweise dafür, dass sich der IWF bezüglich der Liberalisierung des Finanzmarktes und der gesamtwirtschaftlichen Lage in Äthiopien irrte. Dennoch mussten die Ökonomen des IWF ihren Willen durchsetzen.“ An einer anderen Stelle schreibt Stiglitz: „Für eine mittelgroße Institution wie den IWF ist es sehr schwierig, über jede Volkswirtschaft der Erde gründlich Bescheid zu wissen. Doch der IWF stört sein mangelndes Detailwissen nicht weiter, verfährt er doch nach seiner Einheitsmethode. Die Schwierigkeiten dieser Vorgehensweise zeigen sich besonders deutlich, wenn er sich mit den volkswirtschaftlichen Herausforderungen der Entwicklungs- und Transformationsländer befasst. Es gibt eine Fülle von Informationsproblemen, und kulturelle Gepflogenheiten wirken sich oftmals nachhaltig auf das ökonomische Verhalten aus. Dennoch werden die Makroökonomen durch ihre Ausbildung nur schlecht auf die Probleme vorbereitet, denen sie sich stellen müssen. An einigen der Hochschulen, an denen der IWF regelmäßig neue Mitarbeiter rekrutiert, stehen Modelle auf dem Lehrplan, in denen keinerlei Arbeitslosigkeit vorkommt.“ Der Faktor Mensch fehlt! Was dazu führt, dass das Eingreifen des IWF nicht selten zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führt. Ganze Staaten werden den manisch-depressiven Launen von Finanzinvestoren ausgesetzt und für den Turbokapitalismus geöffnet.

Während der Wirtschaftskrise in Asien Ende der 1990er bekommt Joseph Stiglitz aber auch mit, wozu selbstbewusste weiterentwickelte Staaten in der Lage sind, wenn sie sich den Auflagen des IWF widersetzen. Auf der einen Seite steht Indonesien dafür, was passiert, wenn man sich dem IWF beugt: Das Land akzeptiert mehr als 20 Milliarden Dollar Rettungshilfe, damit der Wechselkurs der eigenen Währung gestützt wird und Gläubiger besänftig werden. Finanzielle Unterstützung für die arme Masse wird nicht zugesprochen. Im Gegenteil, Indonesien senkt auf Druck des IWF sogar die Subventionen für Lebensmittel und Brennstoff, was die Preise verteuert. Stiglitz hatte bereits vorher vor sozialen Unruhen gewarnt. Die brechen nach den verheerenden Entscheidungen auch aus. Auf der anderen Seite stehen Länder wie Malaysia, China oder Südkorea, die ebenso von der Krise ergriffen wurden, die Durststrecke aber weitaus besser verkrafteten, viel schneller wieder auf die Beine kamen und dazu nicht mit dem Vertrauensverlust der Bevölkerung kämpfen mussten. Sie alle sträubten sich gegen die Auflagen des IWF.

Joseph Stiglitz steht für den Kontrapunkt zu jenem unheilvollen alten Denken, das die materielle Vormacht des Westens festigt und die Armen und Ungeliebten noch tiefer in die Hoffnungslosigkeit treibt. Nach seinem Abschied von der Weltbank und den Schockerlebnissen, die er dort hatte, wird er zum passioniertesten und kreativsten Kämpfer für eine neue Weltwirtschaftsordnung. Seine Forderung: Lasst uns die offensichtlich gescheiterte, westliche und rein finanzielle Variante der Globalisierung ins Gegenteil verkehren!

Was war Globalisierung bisher? Sie war das umjubelte Schlagwort der 1990er Jahre und sollte allen Menschen auf der Erde gleichermaßen Wohlstand bringen. Um den zu erreichen, einigten sich einige wenige Herrschaften 1990 in Washington auf den sogenannten Washington Consensus, eine Vereinbarung, die interessanterweise im Dunstkreis jener Institutionen getroffen wurde, die fortan am stärksten von der Globalisierung profitierten bzw. auf sie Einfluss nahmen: das US-Finanzministerium, die Weltbank und der IWF (sie alle sind zwischen der 15. und 19. Straße in Washington beheimatet). Kernforderungen des Consensus’ waren Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung der Märkte bei zeitgleichem Staatsabbau. Fragen nach Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Beschäftigung und der Schnelligkeit von Reformen wurden erst zehn Jahre später gestellt, nachdem die Globalisierung in ihrer ursprünglich vereinbarten Form bereits viel Unheil angerichtet hatte. Was nicht heißt, dass die Globalisierung seit 2000 sehr viel anders verlaufen wäre.

2001 erhält Joseph Stiglitz den Nobelpreis für Wirtschaft – zusammen mit seinem einstigen Kommilitonen George Akerlof und dem kanadischen Ökonomie-Professor Michael Spence. „Ich wählte die Ökonomie in der Hoffnung, etwas hinsichtlich Arbeitslosigkeit, Armut und Diskriminierung zu verändern“, sagt Stiglitz am Schluss seiner Rede am 8. Dezember in der Aula der Stockholmer Universität. „Als Forscher hatte ich das Glück, auf ein paar Ideen zu stoßen, die unser Verständnis einiger Phänomene erweitern werden. Als Erzieher hatte ich das Glück, dass ich das Ungleichgewicht des Wissens ausgleichen konnte und ein paar hervorragende Studenten hervorgebracht habe, die nun selber forschen. Als Individuum habe ich mich nie damit zufrieden gegeben, andere meine Ideen in die Praxis übersetzen zu lassen. Ich war in der glücklichen Lage, das selber tun zu können, als Regierungsmitglied und bei der Weltbank. Wir alle haben das Glück, in einer Demokratie zu leben, in der jeder für seine Einschätzung einer besseren Welt kämpfen kann. Wir Akademiker haben das Glück, durch unsere akademische Freiheit geschützt zu sein. Doch mit der Freiheit kommt die Verantwortung: die Verantwortung, die Freiheit richtig einzusetzen und alles zu tun, damit in der Welt der Zukunft nicht nur immer größerer wirtschaftlicher Wohlstand herrscht, sondern auch mehr soziale Gerechtigkeit.“ Der Nobelpreis ist der Ritterschlag für Stiglitz, die offizielle und größtmögliche Anerkennung seiner Bemühungen und gleichzeitig ein Schlag ins Gesicht der gegen ihn arbeitenden alten Kräfte.
Mit der Popularität durch den Nobelpreis kommt 2002 der erste große Bucherfolg (Die Schatten der Globalisierung). 2006 nimmt sich Joseph Stiglitz in dem Folgewerk Die Chancen der Globalisierung nicht nur die Vereinheitlichung der Weltwirtschaft vor, sondern gibt auch Änderungsempfehlungen, die letztendlich in einen globalen Gesellschaftsvertrag münden sollen. Er rügt den Postenproporz bei Weltbank und IWF (die Chefsessel sind Amerikanern und Europäern vorbehalten). Er kritisiert den unfairen Welthandel (Entwicklungsländer werden gezwungen, die Subventionen ihrer eigenen Wirtschaft einzustellen, während die Industrieländer ihre Subventionen beibehalten dürfen und damit die Preise in den Entwicklungsländern zerstören). Er straft die einseitigen Variablen ab, die bisher bei der Armutsbekämpfung eine Rolle spielten (das Augenmerk galt vor allem der Inflation und nicht der Arbeitslosigkeit). Seine Mängelliste findet kein Ende.

Aus der Generalkritik zieht Stiglitz konkrete Schlüsse. Beispielsweise fordert er ein neues System der Weltwährungsreserven und schlägt den Weltdollar vor, eine neue globale Reservewährung, mit der Staaten in Krisenzeiten in nachhaltige Lösungen investieren können. Er plädiert für eine Demokratisierung der Globalisierung, für die Abschaffung von Zöllen und Handelsblockaden, für den Abbau des Wissensgefälles zwischen Nord und Süd, für eine globale Angleichung der Löhne. Er setzt sich ein für eine Reform des Stimmrechtsverfahrens, für mehr Transparenz und eine Rechenschaftspflicht bei Weltbank und IWF, für eine größere Gestaltungskraft von Wirtschafts- und Sozialrat der UNO, für eine stärkere Beteiligung von Entwicklungsländern an globalen Beschlüssen; für die Einführung eines unabhängigen, globalen Gerichts, das Antidumpingzölle für Produkte festlegt; für eine neue Handelsrechtsordnung, die fairen Regeln unterworfen ist und nicht von Machtverhältnissen abhängt. Er mahnt an, neue globale Monopole und Kartelle zu verhindern, weitere Entwicklungsländer in den Schuldenerlass mit einzubeziehen und den Entwicklungsländern eine Vergütung für den Erhalt der Artenvielfalt und die Bewahrung natürlicher Ressourcen zu zahlen. Auch diese Stiglitz-Liste ist noch viel länger.
Dies alles könne, so Stiglitz, sowieso nur geschehen, wenn das Denken globaler werde. Wenn ein verlorener Arbeitsplatz daheim oder ein gefallener Soldat der eigenen Armee nicht länger mehr zählt als ein entlassener Arbeitnehmer in der Ferne oder ein erschossener Infanterist in einer anderen Uniform. Wenn uns ein durch ein Selbstmordattentat zerfetzter Bus in einer westlichen Großstadt nicht mehr erschüttert, als ein zerfetzter Bus in Israel oder in Pakistan.  Stiglitz möchte das bekannte „Think Global, Act Local“ in „Think Global, Act Global“ umformulieren. „Das lokale Denken besteht fort, obwohl die weltweite wirtschaftliche Verflechtung zunimmt“, bedauert Stiglitz in Chancen der Globalisierung. „Diese Trennung von lokalpolitischer Orientierung und globalen Problemen ist über weite Strecken für die Unzufriedenheit mit der Globalisierung verantwortlich.“
Zur jüngsten Weltwirtschaftskrise hat Joseph Stiglitz 2009 ein weiteres Buch geschrieben, das Im freien Fall heißt. Der Finanzprophet kann es nicht lassen. Selbst im Anbetracht der Tatsache, dass er rechtzeitig vor dem Bankencrash 2008/2009 gewarnt hat und dann mit ansehen musste, dass wieder nicht genug unternommen wurde. „Barack Obamas Wahlkampf war im wirtschaftlichen Bereich von meinen Büchern geprägt“, sagt Joseph Stiglitz. „Ich wünschte, gewisse Leute hätten meine Bücher ebenfalls genauer gelesen und sich über die Gefahren der Deregulierung informiert. Aber neue Ideen manifestieren sich nicht über Nacht, und sie trafen wohl Anfang des dritten Jahrtausends noch nicht den Zeitgeist. Vielleicht haben die Bücher einige Unentschiedene und manche Kritiker der alten Anschauungen überzeugt. Von den Fundamentalisten wurden sie jedenfalls ignoriert. Aber deren Ideen wurden auch nicht über Nacht akzeptiert, sondern infiltrierten das globale Bewusstsein über einen längeren Zeitraum. Daher bin ich optimistisch.“

Was Joseph Stiglitz an der Nachbereitung der Krise am meisten überrascht und gleichzeitig frustriert, ist das schlechte Benehmen der Banken. „Sie sehen ihre Fehler nicht ein. Sie stehen nicht für ihre Fehler ein. Sie machen einfach weiter wie bisher.“ Stiglitz kennt diese Leute. Er hat mit ihnen an einem Tisch gesessen. Er hat mit ihnen gegessen. Er hat mit ihnen gepflegte Konversation betrieben. Es waren die skrupellosen Banker, die tagsüber fadenscheinige Fonds auflegten und dabei keine Sekunde lang an die Anleger dachten. Und es waren die politischen Hierarchen, die mal eben mit einer einzigen Entscheidung ganze Staaten ruinierten und Völker ins Verderben rennen ließen. „Ich habe in der Tat keinen einzigen Menschen getroffen, der sich im Nachhinein schuldig gefühlt hätte“, sagt Stiglitz. „Menschen stellen sich nicht gern selbst in Frage. Sie arbeiten schwer daran, Glaubensinhalte zu kreieren, die in ihr Weltbild passen. Sie machen ihren Job. Man könnte sie fast Mörder nennen, aber sie sehen sich nicht so. Das macht es so schwierig. Im Gegenteil, sie denken, sie tun etwas Gutes und geben ihren Opfern sogar noch die Schuld.“

Stiglitz entlarvt seit nunmehr 40 Jahren intellektuelle Unzulänglichkeiten. Dabei kommt ihm zugute, dass er nicht nur argumentieren und für eine subjektive Ansicht plädieren muss. Er kann die Modelle seiner Gegner vielmehr rein wissenschaftlich auseinander nehmen und der ganzen Welt zeigen, dass sie bei näherer Betrachtung der Realität nicht standhalten. „Dadurch fangen die ersten an zu zweifeln. Man kann also umerziehen. Mir ist bei der Weltbank kein grundlegender Paradigmenwechsel gelungen, aber ich habe es immerhin geschafft, das Finanzsystem in einen komplexeren Zusammenhang zu stellen und eine Wertedebatte anzustoßen.“

Joseph Stiglitz ist sich bewusst, dass Veränderungen längst überfällig sind und die Menschheit unmöglich den vorgegebenen materialistischen Weg der USA weitergehen darf. „Der Planet würde das nicht überleben“, sagt er. Der Rettungseinsatz für die Erde treibt ihn aber nicht zurück in die Politik. Das würde zu viele Zwänge mit sich bringen. Und er will und muss weiterhin sagen können, was er zu sagen hat. Deshalb bewegt sich Stiglitz jetzt und in Zukunft auf dem Schlachtfeld der Ideen, wie er es nennt. „Hätte ich den Kampf der Ideen gescheut, sähe die heutige Welt noch schlimmer aus. Man muss mit den Ideen der anderen in Konkurrenz treten, genau wie Wettbewerber in einem Markt. Nur so können die Menschen auf alle Ideen zugreifen und ihre Meinungen schärfen. Und ich habe den Eindruck, dass immer mehr Leute meine Ideen verstehen und für richtig halten. Ich bin hoffnungsvoll, dass wir die Globalisierung auf den richtigen Weg bringen können.“ Bestes Beispiel für den schleichenden Bewusstseinswandel sind seine Studenten, die plötzlich überhaupt kein Verständnis mehr für die alten Wirtschaftslehren haben – und sich darüber zu beschweren beginnen.

haeuslerMartin Häusler
Die wahren Visionäre unserer Zeit
Scorpio 2010
21,95 Euro
ISBN: 978-3-942166-02-7
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