Die internationale Wirtschaftspresse wägt Für und Wider des von Wolfgang Schäuble in Aussicht gestellten Europäischen Währungsfonds ab. La Tribune beobachtet den Weg von Investitonen in Schwellenländer über Europa. Der BusinessSpectator findet Apples Kriegserklärung an HTC und Google lächerlich. Fundstück: Chopin sagt das Ende der Wall Street voraus.
“Die Idee für einen Europäischen Währungsfonds zeigt, in welchem Maße die Griechenland-Krise Europa zwingt, die institutionelle Struktur der Währungsunion zu überdenken”, meint das Wall Street Journal. Geboren sei sie aus der ablehnenden Haltung vieler europäischer Staaten gegenüber dem Internationalen Währungsfonds (IWF). “Der IWF wird die Pläne denn auch mit Mißtrauen verfolgen, auch wenn Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble meint, ein europäisches Pendant solle keine Konkurrenz darstellen.” Bereits in Asien habe es einmal derartige Pläne gegeben, nach der Finanzkise 1997/98. “Damals waren der IWF und die USA in der Lage, die Umsetzung des Plans abzuwenden.” Immerhin: Der derzeitige EU-Vertrag erlaube es EU-Institutionen nicht, Staaten zu retten, und dass einzelne Länder zu Hilfe eilen, sei schon aufgrund des zu befürchtenden Zorns der betroffenen Steuerzahler unwahrscheinlich. “Für eine Lösung der Griechenland-Probleme käme ein solcher Fonds aber sicher zu spät.”
Europas Regierungen tun gut daran, für die Zukunft Antworten auf Szenarien wie in Griechenland zu entwickeln, begrüßt die Financial Times Deutschland des Vorstoß Schäubles. Im Prinzip sei es egal, ob der IWF ins Spiel käme oder ein eigener Währungsfonds. Wichtig sei, dass Defizitländer nicht aus der Pflicht genommen würden.
“Ein Europäischer Währungsfonds oder eine Europäische Schuldenagentur – beides klingt vernünftig, doch keins von beiden dürfte umgesetzt werden – aufgrund der politischen und rechtlichen Grenzen”, gibt sich die Financical Times skeptisch. Einige EU-Staaten würden dafür einen neuen Vertrag fordern, und wie lange so etwas dauern könne, habe der Lissabon-Vertrag verdeutlicht. “Alles, worauf man in den nächsten zehn Jahren hoffen kann, ist eine verbesserte, freiwillige Koordination im Europäischen Rat.” Somit bliebe als politischer Weg der Versuch, die Budget-Grenzen des Maastrichter Vertrages zu reduzieren. Als ökonomischer Weg bliebe, beim Saldo des Staatssektors in der EU-Leistungsbilanz anzusetzen, entweder, indem das Saldo der Privatwirtschaft im Gegenzug sinke oder aber die Leistungsbilanz selbst verbessert werde. “Im ersten Fall bliebe die Leistungsbilanz der Euro-Zone letztlich unberührt, so wie Griechenland sein Problem nun zu einem privatwirtschaftlichen gemacht hat: Das Land ist nach wie vor bankrott.” Im zweiten Fall wäre eine Abwertung des Euro die Folge. “Welchen Weg man auch wählt, der Euro wird an Stärke verlieren”, schlussfolgert das Blatt. Eine Währungsunion könne nun mal nicht ohne eine politische Union existieren.
And the Oscar goes to: Silicon Valley
Welcher Film den Oscar bei der Verleihung in der vergangenen Nacht erhalten habe, sei egal: Sieger sei in jedem Fall das Silicon Valley, konstatiert BusinessWeek. Denn drei der nominierten Filme, “Avatar”, “District 9″ und “Star Trek”, seien ohne die Computerspezialisten Autodesk Inc., Nvidia Corp. und NetApp Inc. nicht denkbar gewesen: “Je mehr Filme auf digitalen Effekten basieren, desto mehr blickt Hollywood nach Norden, ins Valley, um Szenen zu verbessern, Charakteren Leben einzuhauchen und Welten zu erfinden.” Allein für “Avatar” seien alle drei Firmen im Boot gewesen: Autodesk lieferte die Software, Nvidia die Grafikprozessoren und NetApp Prozessoren, die den Produktionszeitraum erheblich verkürzten. “Die Aktien aller drei sind in ihrem Wert im vergangen Jahr um mehr als 50 Prozent gestiegen.” Doch nicht nur bei Blockbustern helfen Spezialfirmen wie diese: “Betrachtet man heute einige der Sundance-Festival-Filme, haben diese mehr digitale Effekte als die Oscar-Preisträger in der Kategorie Visuelle Effekte vor zehn Jahren.”
Europa – die Zwischenstation zu den Schwellenländern
In Anlehung an den von Goldman Sachs geprägten Begriff der BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China), plädiert La Tribune für eine neue Kategorie, die der “multinationalen Europa-Schwellen-Konzerne”. Zwar investierten Unternehmen weltweit generell mehr in Schwellenländer: So mache z. B. Volkswagen 26 Prozent seines Umsatzes in Schwellenländern, die französische Schneider Electric 32 Prozent. Doch zeige eine neue Studie von Goldman Sachs, dass vor allem europäische Konzerne in diesem Feld erfolgreich agierten, die keinem einzelnen Land mehr zuzuordnen seien, zum Beispiel Arcelor Mittal oder Anheuser-Busch InBev. “Sie sind immer noch nah dran an London, Paris oder Madrid, sind also europäisch, ermöglichen aber ihren Investoren den Zugang zu den Märkten der Schwellenländer. Wir erleben wohl gerade die Geburt einer neuen Investmentfonds-Kategorie, die die Investiton in Schwellenländer über europäische Firmen ermöglicht – über die multinationalen Europa-Schwellen-Konzerne.”
Endspurt für Sparkassen-Fusion
In einer Zeit voller Ungewissheit und Zweifel über die geplante Restrukturierung des spanischen Finanzmarktes verfolge die Sparkasse Caixa Catalunya unbeirrt ihr Ziel, die Fusion mit den Sparkassen Caixa Tarragona und Caixa unter Dach und Fach zu bringen, kommentiert die Wirtschaftszeitung El Economista . In weniger als fünfzehn Tagen könne die Europäische Kommission der Fusion bereits ihren Segen erteilen – und damit die erste von mehreren geplanten Fusionen innerhalb der spanischen Bankenlandschaft perfekt machen. Fast vierhundert Filialen werde die neue Sparkasse schließen und bis 2011 insgesamt 1.300 Angestellte in den Vorruhestand schicken oder anderweitig abfinden, berichtet die Zeitung. Gleichzeitig entstehe durch die Fusion die drittgrößte Sparkasse Spaniens.
Verliert Großbritannien bald seine Vorsilbe?
Die Business Times aus Singapur liefert einen Zustandsbericht aus Großbritannien zehn Wochen vor der Wahl. Das Land wisse nicht, wo es stehe, wohin es wolle und sei in finanziellem Trübsinn gefangen. In den vergangenen zwei Jahren hätten Geldverschwendungsskandale das Parlament erschüttert, in der Rezession habe das Land dann feststellen müssen, dass seine Finanzdienstleistungsbranche keine Ahnung von Geld habe, Regierungen hätten den Missbrauch von Geldern unterstützt und begünstigt. Die Vermögenswerte sinken und würden wohl für eine lange Zeit niedrig bleiben. Nun stehe eine Wahl an, die potenziellen Landesführer behaupteten, dass sie die Rezession bekämpfen und die “guten Zeiten zurückbringen” werden. Dabei sei “kein Politiker oder keine Partei in der Lage zu sagen, wie sie das konkret bewerkstelligen” wolle. Im Moment herrsche Pessimismus unter den Wählern, und wenn dies so bliebe, könne Britannien seine Vorsilbe “Groß” verlieren und seine Anleihen könnten bald zum Verkauf stehen.
Apple greift Google an
Mit Unverständnis reagiert der BusinessSpectator auf die Entscheidung von Apple, den taiwanesischen Smartphone-Hersteller HTC – und damit indirekt Google – wegen Patentrechtverletzungen in 20 Fällen zu verklagen. “Der Vorgang ist bekannt: 1983 verklagte Apple taiwanesische Hersteller von Computern, weil diese zufällig auch auf dem legendären Mikroprozessor 6502 basierten.” Diese hätten danach IBM-Computer kopiert, und weil IBM nachsichtiger gewesen sei als Apple, habe der Konzern gern alles lizenziert. “Insider meinten damals, Apple mache einen schweren Fehler, weil es seine Hardware nicht zugänglich mache, und trage so zum Erfolg von Microsoft bei. Heute stellt IBM keine Computer mehr her und Microsoft kann nur neidisch auf iPhone und iPod blicken.” Dennoch sei Apple damals vom Markt bestraft worden. “Dieses Mal dürfte die Klage kaum verhindern, dass sich immer mehr Smartphone-Modelle verbreiten, sie wird Google und HTC nicht ernsthaft bedrohen.” Letztlich gelte noch immer, dass Konkurrenz Innovationen ermögliche: “Die Verbraucher könnten also verlieren, wenn Apple gewinnt.”
Fundstück: Chopin sagt das Ende der Wall Street voraus
Der BusinessSpecator blickt amüsiert von Australien an die Wall Street, wo soeben die Feierlichkeiten zum 200. Geburtstags Frederic Chopins stattgefunden haben. “Neben drogenabhängigen Brokern und bedröppelt dreinschauenden Bankern bot der New Yorker District Walzer, Mazurkas, Sonaten oder Etuden, mit täglichen Vorführungen an vier Klavieren in der berühmtesten Straße der Weltfinanz.” Ein Blick in die Online-Enzyklopädie Wikipedia kläre dabei schnell über die Verbindung des polnischen Komponisten zur Wall Street auf: “Chopin soll rauflustige Kinder folgendermaßen zur Ruhe gebracht haben: Er erzählte ihnen Geschichten, sang ihnen ein Schlaflied vor und weckte sie dann mit einem ohrenbetäubenden Akkord aus ihren Träumen. Nun also wissen wir, wie die Wall Street Saga enden wird.”
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