Im Frühjahr 2007 gab es in den USA erste Zahlungsausfälle bei Subprime-Hypothekenkrediten – der Auftakt zur Finanzkrise. Rund 1000 Tage später zeichnet der Börsenexperte („Mr. Dax“) zu 100 Fragen die Entwicklung von der Finanz- zur Schuldenkrise nach, benennt ihre Schuldigen, dekliniert das ABC der Regulierung durch – und erklärt, ob er selbst der Krise seine Popularität verdankt.
RÜCKBLICK
Im Frühjahr 2007 gab es in den USA erste Zahlungsausfälle bei Subprime-Hypothekenkrediten – der Auftakt zur Finanzkrise. Drei Jahre später: Geben Sie Entwarnung?
Nein, es gibt sicherlich keine Entwarnung denn kaum ein Problem wurde gelöst – die meisten wurden lediglich verschoben. Auch die Banken haben bislang höchstens die Hälfte der faulen Kredite abgeschrieben.
Inwiefern?
Aus der Immobilienkrise wurde die Bankenkrise, wurde die Wirtschaftkrise, wurde die Krise der Staatsfinanzen und danach kommt nicht mehr viel. Bisher wurde bestenfalls etwas Zeit gewonnen.
Was war aus Ihrer persönlichen Sicht im Nachhinein der schwärzeste Tag?
Ein Meilenstein im Laufe der Krise war sicherlich die Lehman-Pleite. Einer der kritischsten Momente in Deutschland war in den Stunden, bevor die Kanzlerin die Garantie für das Ersparte der Bürger ausgesprochen hat. Vorher stand alles für wenige Stunden vor dem Zusammenbruch – der Sturm auf die Banken hatte bei uns bereits begonnen.
AIG retten, Lehman aber pleite gehen lassen – war das ein kluger Schachzug der US-Regierung?
Da steckte weit mehr dahinter als nur rein wirtschaftliche Fragen. Lehman hatte schon in den zwei Jahren zuvor mit den Zahlen gemogelt. Dazu kamen wirtschaftliche Verwicklungen und persönliche Feindschaften zwischen dem Lehman-Boss und dem ehemaligen Goldman Chef, Henry Paulson, der zu dieser Zeit das Amt des Finanzministers innehatte. Außerdem hat keine amerikanische Bank ein größeres Rad in Europa gedreht als Lehman. Durch deren Zusammenbruch wurde das amerikanische Problem zu einem weltweiten.
Was war die größte Überraschung?
Dass sich der Anstieg der Märkte seit März 2009 so lange halten konnte. Über ein Jahr hat sich die Stimmung des Finanzmarktes vollkommen von Fakten der Realwirtschaft entfernt.
Der größte Fehler beim Krisenmanagement der Regierungen?
Es wurde lediglich versucht, Zeit zu gewinnen, was aber auch nachvollziehbar ist, da ja niemand Erfahrungen mit so einer Situation hatte.
Also befriedigende Note für die Regierung Merkel?
Vor dem Hintergrund, dass es eine derartige Situation in der jüngeren Vergangenheit nicht gab, hat die Regierung im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut agiert.
Mit einer Politik der energischen statt ruhigen Hand?
Eine energische Hand habe ich da nicht unbedingt ausgemacht. Man hat aber ohne allzu große handwerkliche Fehler reagiert.
Der größte Lichtblick?
Dass es entgegen dem Anschein des Herbstes 2009 bislang kein großes Chaos gab, sondern es nach wie vor gelingt, das Ganze geordnet von statten gehen zu lassen.
Der größte Gewinner der Krise?
Die amerikanischen Notenbank, die ihre Befugnisse erneut stark erweitern konnte.
Verrichten Banker Gottes Werk oder Teufels Beitrag?
Weder noch – sie kochen ihr eigenes Süppchen und kochen dabei die einfachen Menschen und die von ihnen abhängenden Industrien ab.
Sollen Banker wegen Falschberatung ihrer Kunden vor Gericht gerade stehen müssen?
Zumindest dann, wenn sie durch absichtliche Falschinformationen, wie zum Beispiel dem Versprechen der Risikolosigkeit, Finanzprodukte unter die Leute gebracht haben.
Ist das oft geschehen?
Leider viel zu oft. Mich wundert, dass hier nicht häufiger das Strafrecht greift. Denn wenn absichtlich Falschinformationen ausgegeben werden um sich selbst einen finanziellen Vorteil durch den Verkauf der Produkte zu verschaffen, ist meiner Meinung nach der Anfangsverdacht des gewerbsmäßigen Betruges gegeben.
Große deutsche Banken prüfen, ihre Ex-Vorstände vor den Kadi zu beordern. Süße Rache oder gutes Recht?
Eine Selbstverständlichkeit, wenn der Verdacht besteht, dass gegen geltendes Recht verstoßen wurde.
Welche Banken profitieren vom Vertrauensverlust der Kunden?
Im Augenblick ganz klar Volksbanken und Sparkassen. In Bezug darauf, wie sicher die Bank ist, haben diese Häuser an Vertrauen gewonnen. Was allerdings das Vertrauen der Kunden angeht, was Anlageberatung betrifft, haben sie sich alle blutige Nasen geholt.
Die meisten Ökonomen haben vor der Krise an den rational handelnden Homo oeconomicus und effiziente Finanzmärkte geglaubt. Hat die Theorie in der Praxis versagt?
Ja, absolut. Die Urinstinkte der Menschen wurden vollkommen unterschätzt. An der Börse wie auch in der Wirtschaft haben sie jedoch den größten Anteil. Die ökonomische Vernunft hat leider nur eine recht kleine Bedeutung.
Ist die Praxis komplexer als die Theorie?
Das kommt hinzu. Das gesamte System ist so komplex, dass kein PC und erst recht kein Mensch alle Zusammenhänge vollständig durchschauen und berechnen kann.
Kommen wir zu den Protagonisten der Krise: Alan Greenspan: Urheber der Immobilienblase oder unschuldig?
Er hat das billige Geld in die Märkte gepumpt und unzählige Entwicklungen katastrophal falsch eingeschätzt. Wenn man seine Aussagen vor, während und nach seiner Amtszeit miteinander vergleicht, sieht man sofort, dass seine Aussagen komplett widersprüchlich sind. Der Magier der Märkte wurde übel entzaubert.
Ben Bernanke: “Person des Jahres” (Time) oder Persona non grata?
Eines von vielen Rädchen im System, die das Unmögliche versuchen – nämlich einen sterbenden Boom mit Kreditexpansionen am Leben zu erhalten.
Dick Fuld von Lehman Brothers: Buchhaltungsgenie oder Hasardeur?
Selbstherrlicher Hütchenspieler.
Bernard Madoff: Megagauner oder Handlanger der Gierigen?
Ein nicht zu verharmlosender Straftäter. Die wenigsten Menschen können abschätzen, wie viel Rendite fair und wie viel Rendite gierig ist.
Lloyd Blankfein: Goldjunge oder Mistkerl?
Eine der mächtigsten Menschen dieses Planeten.
Kontrolliert Goldman Sachs auch die US-Regierung?
Den Einfluss von Goldman Sachs kann man nicht überschätzen.
Spielen die so genannten Bilderberger eine Rolle in der aktuellen Krise?
Der Debattierclub der Bilderberger wird etwas überschätzt. Hier treffen sich die 130 wichtigsten Persönlichkeiten der westlichen Hemisphäre, um über aktuelle Entwicklungen zu beraten. Ihr Amt bleibt dabei außen vor. Grundsätzlich ist es auch vernünftig, wenn Menschen sich über Probleme beraten.
Hinter verschlossener Türe?
Dass es hier aber abseits parlamentarischer und demokratischer Kontrolle passiert, ist sicherlich bedenklich. Was mir hier jedoch wesentlich größere Sorgen macht, ist die Tatsache, dass die Medien absolutes Stillschweigen vereinbaren. Und wenn hier so ein kollektives Schweigen möglich ist, frage ich mich – wo dann noch? Zumindest eine neutrale Info über das Stattfinden dieses Treffens hätte ich von gutem Journalismus erwartet. Ich habe dieses Thema auf meiner Informationsplattform Cashkurs.com aufgegriffen und habe unzählige Kommentare unserer User erhalten, die sehr interessiert reagiert haben und überrascht waren, dass dieses Treffen überhaupt existiert.
Wo sind die deutschen Bilderberger?
Ein direktes Pendant kann ich in Deutschland nicht erkennen. Aber sicherlich haben auch wir einige einflussreiche Lobbys und Gruppierungen wie die INSM.
Auf wessen Memoiren sind Sie nach der Krise am meisten gespannt?
Auf keine, da ohnehin keiner die Wahrheit sagen würde. Aber ich wäre in den letzten Monaten gerne Mäuschen in Herrn Ackermanns Büro gewesen.
SCHULDENKRISE
Nach der Finanzkrise kam die Schuldenkrise, und zwar zunächst im Boom-Emirat Dubai. Was ist die Moral aus der Dubai-Krise?
Dass selbst der wirtschaftlich Erfolgreichste in Turbulenzen kommen kann, wenn er zu sehr auf Kredit baut. Wir müssen wieder zurück zu altem Kaufmannsdenken – dazu gehört auch das Bilden von Rücklagen und ein defensiver Umgang mit der Verschuldung.
Wo sehen Sie die Ursachen der europäischen Schuldenkrise?
Beim Euro, der von Anfang an mit einem schweren Geburtsfehler behaftet war. Eine Währungsunion ohne politische Union ist langfristig nicht zu halten. Das war bei Gründung der EWU bekannt, und die Folgen sehen wir heute. Ein Systemfehler.
Müssen wir den Griechen helfen?
Ich sehe drei Möglichkeiten: Wir schaffen die politische Union. Oder Griechenland und andere verlassen den Euro und passen ihre Währung der Wirtschaftsleistung an. Oder aber wir sind bereit, alles so zu lassen wie es ist, und akzeptieren auf unabsehbare Zeit einen milliardenschweren Finanzausgleich von den starken zu den schwachen Ländern.
Die Eurozone hat stattdessen gerade unter dem deutschen Diktat den Internationalen Währungsfonds ins Boot geholt. Kluger Schachzug, um den deutschen Haushalt zu schonen?
Es ist ausgemachter Irrsinn, die Amerikaner in die europäische Region mit hineinregieren zu lassen. Der IWF ist bekanntlich der verlängerte Arm der USA, und die hatten schon immer ein geringes Interesse an einem starken und einigen Europa.
Wo brennt der nächste Busch? Spanien oder Italien?
Nach Griechenland werden wir bis in den Sommer hinein die portugiesische und die spanische Sau durch das Dorf treiben. Spanien hat im Sommer riesige Summen zu refinanzieren – Ausgang ist völlig unklar. Auch der Einbruch der Gewerbeimmobilien wird erst jetzt langsam an die Oberfläche brechen.
Und danach?
Dann werden wir uns Großbritannien zuwenden, deren Haushaltsdefizit dem griechischen in nichts nachsteht.
Wird das Pfund zerstört?
Das Pfund steht nicht besser oder schlechter da als andere Währungen auch. Viele der Staatshaushalte versinken doch derzeit im Schuldensumpf. Wenn man die eine gegen die andere Währung aufwiegt, ist das nur ein Schwenken von Pest auf Cholera. Wer aus dem britischen Pfund flieht, kann doch nicht allen Ernstes in den US Dollar, den Euro oder japanischen Yen wechseln wollen.
Bleibt London die Finanzmetropole Nummer eins?
Großbritannien hat sich in den letzten Jahren im großen Stil vom Industriesektor verabschiedet und sich allzu sehr auf den Finanzsektor konzentriert. Deshalb ist der große Schlag der englischen Politik gegen die Londoner City nicht zu erwarten. Viel Donnergrollen – wenig Blitze.
Wird es eine Weltwährung geben in der Zukunft?
Eine weltweite, von Staaten unabhängige Abrechnungswährung wäre wünschenswert – ist aber nicht absehbar. Eine Währungsunion ohne politische Union ist utopisch. Die Konsequenz erleben wir gerade live im Euro – das Ganze in einem weltweiten Zusammenhang wäre aus heutiger Sicht völlig unmöglich.
EU-Währungsfonds: Goldener Weg oder Sackgasse?
Sackgasse. EWF wäre nichts anderes als ein ständiger Umverteilungsmechanismus.
Welche anderen Konsequenzen müssen gezogen werden?
Entweder ein Zentraleuropa der wirtschaftlich ungefähr gleichwertig einzuschätzenden Länder oder eine politische Union. Zumindest Wirtschafts- und Finanzpolitik müssten dann zentralisiert werden.
REGULIERUNG
Auf dem alten und neuen Kontinent deklinieren die Politiker gerade das ABC der Regulierung durch. Daumen rauf oder runter – für die Strafsteuer für Banken?
Daumen rauf! Es ist eine Selbstverständlichkeit die Banken und deren Profiteure am Schaden zu beteiligen, der sich nicht auf Rettungspakete beschränkt, sondern auch den angerichteten Schaden in der Realwirtschaft einschließt. Aber bitte nicht solche lächerlichen Placebos wie den aktuell geplanten Rettungsfonds.
Was spricht dagegen?
Er soll jährlich mit einer Milliarde gespeist werden. Da brauchen wir Jahrzehnte um ein sinnvolles Volumen zu erreichen.
Was wenn die hoch besteuerten Banken am Ende die Kredite für den Mittelstand kürzen?
Das sind potemkinsche Dörfer, die da aufgebaut werden. Die Aufgabe der Banken und der Finanzwelt sollte sein, als Dienstleister für die reale Wirtschaft zu fungieren. Warum diese Dienstleistungen für die reale Wirtschaft teurer werden sollten, wenn man bei den Banken irrsinnige Spekulationen untersagt, die zu milliardenschweren Schieflagen führen, erschließt sich mir nicht. Die milliardenschweren Quartalsgewinne und ebensolche Boni geben doch offensichtlich genug Spielraum.
Tobin? Wieder einmotten oder aufpolieren?
Aufpolieren. Billionenschwere Wetten, die im Nanosekundenbereich um den Globus rasen, um kleinste Unterschiede im Promillebereich zu nutzen und um aus dem riesigen Strom des Geldes etwas Profit herauszuschneiden, haben keinerlei Nutzen für die reale Wirtschaft. Im Gegenteil – sie drohen sie in den Abgrund zu ziehen.
Wie groß ist das Volumen der Wetten?
Das Volumen der Derivate beträgt inzwischen das Zehnfache aller Waren und Dienstleistungen dieser Erde. Wenn eine Finanztransaktionsteuer diesen Wettwahnsinn ein wenig bremsen kann, ist das sicher kein Nachteil.
„Kein Nachteil“ klingt nicht sehr optimistisch. Was muss sonst geschehen?
Noch wichtiger wäre, die überbordende Spekulation auf Kredit zu unterbinden. Kredite sollten nur für realwirtschaftliche Investitionen zulässig sein, nicht jedoch für abenteuerliche Finanzwetten.
Flashtrading verbieten?
Ja, zwingend verbieten. Diese irrsinnigen Spekulationen, denen kein realwirtschaftlicher Sinn zugrunde liegt, sollten massiv eingeschränkt werden. Am einfachsten wäre es, wenn die Vergabe von Krediten für Spekulationszwecke komplett unterbunden würde, denn es gibt hierfür keinerlei volkswirtschaftliche Notwendigkeit. Flashtrading ist Wahnsinn. Welchen realwirtschaftlichen Nutzen sollte es haben, riesige Beträge innerhalb von Nanosekunden ständig hin und her zu handeln?
Boni-Bremse?
Ja. Es ist nicht nachvollziehbar, wenn Boni ein Vielfaches des Jahresgehaltes betragen. Ein gutes Gehalt und die Bestätigung, etwas Sinnvolles zu tun, sollte doch Motivation genug sein.
Müssen besondere Leistungen nicht honoriert werden?
Durchaus – aber immer mit Augenmaß.
Aber mit gedeckelten Boni wird doch nur die B-Klasse der Banker geködert, oder?
Millionen von Arbeitern und Angestellten erhalten keinerlei Boni. Wollen Sie denen unterstellen, deshalb nur unmotivierte und mittelmäßige Arbeit zu leisten? Natürlich muss eine solche Deckelung international erfolgen, sonst kommt es zum gleichen Wettlauf des Wahnsinns, wie bei den Fußballablösesummen.
Banken zerschlagen, statt too big to fail?
Ja. Es kann nicht sein, dass ein einzelnes, privat geführtes Unternehmen eine solche Macht und Größe annimmt, dass der Management-Fehler eines einzelnen Vorstands in der Lage wäre, eine ganze Nation in den Orkus zu ziehen. Wo waren hier die Kartellbehörden?
Wo waren die Aufseher?
Der Einfluss der Banken auf die Politik scheint wohl doch größer zu sein, als mancher hofft.
Hierzulande soll die Bundesbank Oberaufseher bei Banken werden. Was bringt der Big Brother?
Eine effiziente Kontrollbehörde ist dringend geboten. Der bisherige Kompetenzwirrwarr muss dringend beendet werden.
Selbst wenn die Bundesbank ihre Unabhängigkeit verliert?
Alles eine Frage der Ausgestaltung. Die Unabhängigkeit der Bundesbank muss unbedingt gewahrt bleiben. Auch allzu engen Verzahnungen zwischen Politik, Bundesbank und privaten Banken sollte künftig ein großer Riegel vorgeschoben werden.
Glass-Steagall reloaded?
Auf jeden Fall. Wenn der Teil der Banken, deren Aufgabe die Versorgung der Realwirtschaft mit Finanzdienstleistungen ist, von den Wettbuden abgetrennt wird, gerät nicht das ganze System in Gefahr, wenn eine dieser Wettbuden „den Lehman macht“. Eine geordnete Abwicklung wäre dann zudem problemloser.
Steuersünder mit allen Mitteln verfolgen?
Steuerhinterziehung ist eine Schädigung unserer Volkswirtschaft und unserer bürgerlichen Gesellschaft. Das ist selbstverständlich zu verfolgen, und es ist die legitime Grundlage unserer Gesellschaft das zu tun. Allerdings kann der Staat auch nur innerhalb seiner Möglichkeiten agieren. Der Zweck heiligt nicht immer die Mittel.
Haben Sie selbst auch Konten in der Schweiz?
Nein, ich habe meine Konten bei einer Bank in meiner Region.
Jagd auf Spekulanten: Feuer frei?
Die Spekulation erfüllt wichtige Aufgaben, sie übernimmt Risiken und dient vielerorts als Puffer. Aber wie immer macht die Dosis das Gift. Wenn auf zehn Investoren ein Spekulant kommt, ist die Welt in Ordnung. Ist das Verhältnis wie aktuell umgekehrt, haben wir ein ernstes Problem.
Also was tun bei Spekulation?
Spekulation ja, aber nicht gehebelt, also auf Kredit – dann wäre schon viel geholfen.
Ungedeckte Leerverkäufe verbieten?
Definitiv ja. Es ist nicht einzusehen, warum jemand mehr Aktien verkaufen kann als überhaupt existieren. So kann man jedes Unternehmen ruinieren – der volkswirtschaftliche Nutzen ist nicht gegeben, der Schaden hingegen schon oft bewiesen.
Hedge-Fonds an die Leine?
Sicher. Es kann nicht sein, dass ausgerechnet die größten Fische im Becken jeder Kontrolle entzogen sind.
Aber die Fonds-Fische haben im Vorfeld der Finanzkrise keine große Welle gemacht. Warum dann bestrafen?
Wie uns die Tsunamis gelehrt haben, sieht man die größten Wellen selten an der Oberfläche, sondern erst wenn sie an Land gehen.
Rating-Agenturen entmachten – oder Ratings bei der EZB ansiedeln?
Ratings zur hoheitlichen Aufgabe erklären und im öffentlichen Auftrag bei der EZB ansiedeln. So gibt es keine privatwirtschaftlichen Interessenskonflikte.
Federal Reserve – abschaffen oder ausbauen?
Der größte Krake im System – abschaffen! Die Gründung der Fed 1913 ähnelte einem Staatstreich, der bis heute wirkt – darüber berichte ich auch ausführlich in meinem Buch „C(r)ashkurs“.
Was stört Sie an der Fed?
Sie ist nach wie vor im wirtschaftlichen Besitz der großen amerikanischen Banken, die somit faktisch ihre eigenen Leitzinsen bestimmen und das Geld des Staates beherrschen.
Also hätten Sie Ron Paul zum US-Präsidenten gewählt?
Ja.
Manipuliert die Fed auch den Aktienmarkt?
Ich denke schon. Die Existenz der Plunge Protection Teams (offizieller Name: Working Group on Financial Markets) ist kein Mythos, sondern ein nachweisbarer Fakt.
Was halten Sie von anderen Verschwörungstheorien rund um die Fed?
Wieso „Verschwörungstheorien“ !?
KONJUNKTURAUSBLICK
Der Schweizer Börsenexperte Marc Faber glaubt, dass die meisten Börsenindikatoren der Welt nie wieder die im März 2009 erreichten Tiefpunkte sehen werden. D‘accord?
Da muss Herr Faber seine Kristallkugel ausgepackt haben – mir fehlt die leider. Es gibt mögliche Szenarien, in denen er recht hat, andere, in denen er irrt.
Lord Adair Turner, Chef der britischen Finanzaufsicht, warnt vor einer Double-Dip-Rezession. Sie auch?
Durchaus. denn wir haben den freien Fall mit weltweiten Billionen-Paketen gestoppt – mehr aber auch nicht.
Wo ist das Geld gelandet?
Zumindest nicht in der Realwirtschaft. Woher ein nachhaltiger Aufschwung kommen soll, bleibt mir ein Rätsel. Solange wir die extreme Verschuldungsproblematik der westlichen Bürger, Wirtschaft und Staaten nicht beendet haben, wird sich daran wenig ändern.
Also, wo sind die Billionen?
Das Geld ist in die Finanzmärkte und Staatsanleihen geflossen. Die EZB leiht den Banken kurzfristig Geld für 1%, die kaufen langfristige Staatsanleihen für 3,5%. Sicheres Geld.
Wenn das Geld nicht in der Realwirtschaft ankommt – was tun gegen die Kreditklemme?
Ich kann den Banken nicht vorhalten, die Risiken zu wenig beachtet zu haben und im nächsten Satz verlangen, dass sie Kredite ohne Berücksichtigung des Risikos auslegen sollten. Es ist ein völlig normaler Vorgang in unserem System, dass die Banken in schwierigen Zeiten mit der Kreditvergabe restriktiver umgehen. Wenn der Staat aus wirtschaftspolitischen Gründen der Meinung ist, dass gerade in einer solchen Phase Kredite aggressiver und ohne Berücksichtigung des Risikos zu vergeben sind, dann muss er das über die KFW aggressiver und vor allem direkter machen als bisher. Er muss dann aber auch bereit sein, den Wählern zu erklären, warum die möglicherweise darauf folgenden Milliardenabschreibungen notwendig waren.
Federal Reserve: Immer schön locker bleiben oder hoch mit den Zinsen?
Wir werden uns keine höheren Zinsen leisten können. Die Zinszahlungen würgen jetzt schon die Staatshaushalte ab und zwingen sie in die Handlungsunfähigkeit. Bei auch nur moderat steigenden Zinsen droht den meisten westlichen Staaten der Bankrott. Von den Konsequenzen für die schon jetzt nach Luft ringenden US-Hausbesitzer ganz zu schweigen.
Der IWF schlägt vor, die Zentralbanken sollten künftig eine höhere Teuerungsrate tolerieren. Wie tolerant sind Sie?
Diesbezüglich überhaupt nicht, denn das ist Wahnsinn. Inflation ist Enteignung der einfachen Bürger. Vielmehr sollten wir bereit sein, unser gesamtes Geldsystem ohne Scheuklappen zu überdenken.
Wo sind die faulen Stellen?
Ein Zinseszinssystem wie das unsere kann aus logischer und mathematischer Sicht nie dauerhaft funktionieren. Hier würde es gelten den Hebel anzusetzen, wenn man die Probleme nachhaltig lösen wollte. Daran haben allerdings die wenigsten Interesse.
Muss sich Deutschland beschränken, um Europa wieder ins Gleichgewicht zu bringen?
Eine ausgeglichene Handelsgsbilanz innerhalb Europas sollte das Ziel der EU sein. Unser Überschuss ist das Defizit der anderen. Unsere Unternehmensgewinne sollten es uns erlauben, die Bürger stärker am Erfolg teilhaben zu lassen.
Das wäre aber eine einseitige Lastenverteilung, oder?
Auch die anderen Länder müssen ihre Hausaufgaben machen und ihre Wirtschaft konkurrenzfähiger aufstellen.
Sollen die Staaten noch mehr Schulden machen, um die Krise endgültig abzuwenden?
Der österreichische Nationalökonom Ludwig von Mises schrieb 1912 in seiner „Theorie des Geldes und der Umlaufmittel“: „Es gibt keinen Weg, den finalen Kollaps eines Booms durch Kreditexpansion zu vermeiden. Die Frage ist nur, ob die Krise früher durch freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion kommen soll oder später zusammen mit einer finalen und totalen Katastrophe des Währungssystems.“
Haben Sie Angst vor der China-Blase?
Die Risiken aus China werden weitgehend unterschätzt.
Inwiefern?
Die chinesischen Banken haben auf Anweisung der Regierung allein 2009 die Kreditvergabe von 500 Milliarden auf eine Billion US-Dollar angehoben, ohne auf die Bonität der Schuldner zu achten. Die Immobilienpreise steigen im zweistelligen Prozentbereich. Das erinnert stark an die Anfänge der US-Immobilienblase.
Viele Ökonomen glauben, der starke Aufschwung Chinas könnte den Westen mit aus dem Sumpf ziehen. Eine Münchhausen-Legende?
Definitiv. Unser Exportanteil nach China beträgt gerade mal fünf Prozent. Wie das die Rückgänge in den mächtigsten Märkten, in den USA und Europa, auffangen soll, ist mir ein Rätsel. Im bereits beginnenden Kampf um die Rohstoffe kann China darüber hinaus kein Interesse daran haben, dass der Westen als Rohstoffkonkurrent noch lange Zeit von seinem Boom profitieren wird.
Die größte chinesische Bank hat mehr Kunden als Russland Einwohner. Raten Sie den westlichen Banken: auf in den fernen Osten?
Wenn diese glauben, dass es ihnen gelingt, auf diesem Spielbrett zu gewinnen, an dem für jeden Mitspieler andere Regeln gelten, können sie es gerne probieren.
DIRK MÜLLER
Auf der Suche nach einem Bild für die Wirtschaftskrise fällt einem inzwischen nicht nur hierzulande als erster Ihr besorgtes Gesicht ein. Verdanken Sie der Krise Ihre Popularität?
Nein. Eher der Tatsache, dass ich mich traue die Dinge mit einfachen Worten beim Namen zu nennen ohne Scheuklappen und Fachchinesisch.
Was hat Sie am Namen „Mr. Dax“ gestört?
Eigentlich nichts, die deutsche Börse war allerdings nicht besonders glücklich damit. Die Bezeichnungen „Mister Dax“ und „Dirk of the Dax“ waren ursprünglich, wie das so oft ist, eine Erfindung der Medien, die sich dann zum geflügelten Wort entwickelt hat. Heute bündele ich meine Projekte unter dem Begriff „Cashkurs“ – das trifft es aus meiner Sicht ganz gut.
Was macht Mister DAX seit dem Abschied von der DAX-Tafel?
Sehr viel Arbeit steckt in meiner Finanzinformationsplattform www.cashkurs.com, auch wenn ich hier tatkräftige Unterstützung von Top-Experten aus allen möglichen Bereichen der Wirtschafts- und Finanzwelt habe: Journalisten, Börsianer, Rohstoffexperten. Wir geben tägliche Marktausblicke, es wird, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, diskutieren die aktuelle Lage und versuchen, den Usern so viele brauchbare Informationen und Tipps zu geben wie möglich. Ich behaupte, wir sind sehr nah dran an den wirklichen News und beleuchten viele Dinge als erste.
Welche?
Beispielsweise das Trendthema STEVIA, oder Chapter 11 von General Motors, das ich schon in meinem Buch angekündigt hatte… mehr als ein Jahr vor der tatsächlichen Entstehung. Noch konkreter werden diese Tipps dann bei Cashkurs*Trends. Das ist ein Börsenbrief, den ich in Zusammenarbeit mit dem führenden Zukunftsforscher Deutschlands, Dr. Eike Wenzel herausgebe. Wir geben eigene Studien in Auftrag, die einzelne Branchen und Unternehmen auf Herz und Nieren prüfen und geben dann klare Handlungs- bzw. Anlageempfehlungen heraus. Unterstützt werden wir dabei von den Bilanz- und Chart-Analysten von Godmodetrader.com.
Funktioniert Paid Content bei Ihnen?
Wir haben mittlerweil über 4000 Abonnenten auf der Seite und das ganze Team inklusive der Kolumnisten arbeitet täglich daran, den Leuten auch das Aktuellste und die heißesten Themen der Finanzwelt näherzubringen. Dazu kommt das tägliche Morgenvideo, für das man übrigens nicht bezahlen muss und das großen Zuspruch bei den Usern findet. Mit fast 15.000 Leuten, die Cashkurs.com täglich besuchen, haben wir eine Plattform geschaffen, die sich sehen lassen kann und die seit über einem Jahr nun stetig weiter wächst.
Sie leben vom Handel mit Aktien, haben Anlegern aber jahrelang abgeraten einzusteigen. Wie passt das zusammen?
In wirtschaftlich stabilen Zeiten rate ich den Leuten eher zu Aktien. Aber mit den Entwicklungen der letzten Jahre und diesen immens großen Blasen vor der Brust, war es mir wichtig vor den Entwicklungen zu warnen, die ganz besonders die kleinen Anleger betreffen. Nach wie vor rate ich davor ab Finanzprodukte oder Aktienpakete zu kaufen, die man nicht versteht. Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Anstand sind wichtiger als ein kurzfristiger Erfolg und auf lange Sicht immer erfolgreicher.
Sehen Sie sich als Anlegerschützer?
Ich wurde auch schon als Anwalt der Anleger bezeichnet. Beide Begriffe ehren mich auf eine Art und Weise, da ich das Gefühl vermittelt bekommen, dass die Leute verstehen, worum es mir geht. Ich möchte die Leute dazu animieren, selbst aktiv zu werden. Durch einfache Sprache, ehrliche Ansagen und eine große Portion Ironie und Humor gelingt es mir, den Menschen da draußen klarzumachen, dass dieses „Überthema“ Finanzen wirklich spannend ist. Und dass jeder der sich damit beschäftigt, in dem Sinne belohnt wird, dass er seinem Bankberater auf Augenhöhe gegenübertreten kann und rein nach dem eigenen, gesunden Menschenverstand urteilen und wichtige Entscheidungen für sein weiteres Leben treffen kann.
Sie selbst haben 2007 Ihre Aktien verkauft. Sind Sie privat schon wieder eingestiegen?
Ich halte einige Aktien, primär Werte, die wir auch bei Cashkurs*Trends als langfristiges Investment empfehlen.
Sie warnen vor den „Nebelkerzen“ der Konjunkturforscher – von der Inflationsrate bis zum Ifo-Index und der Arbeitslosenstatistik. Welche Kerze zünden Sie an, um Licht ins Dunkel zu bringen?
Meine eigene „Cashkurs-Kerze“. Ständiges informieren, aufklären, analysieren und den Mut, auf des Kaisers nicht vorhandene Kleider hinzuweisen.
„Crashkurs“ war eines der erfolgreichsten Wirtschafts-Bücher des vergangenen Jahres. Wie haben Ihre Ex-Kollegen auf dem Börsenparkett ob der darin enthaltenen Kritik reagiert?
Natürlich gibt es welche, die sich den Mund zerreißen, das ist völlig normal. Von den allermeisten bekomme ich jedoch große Unterstützung und Zuspruch. Selbst aus Bereichen, von denen ich es nie erwartet hätte.
Aus welchen?
Selbst einige Politiker und viele Banker sagen mir im persönlichen Gespräch: „Super geschrieben. Es wurde Zeit, dass es mal einer deutlich sagt.“
Welche These aus dem Buch mussten Sie schon revidieren?
Noch keine – die Würfel rollen noch!
Sie sind mit Cashkurs*Live unlängst auf großen Bühnen aufgetreten. Sind Sie jetzt größenwahnsinnig?
Es war ein Experiment um zu sehen, ob es in Deutschland möglich ist Wirtschaft, Finanzen und Unterhaltung zu verknüpfen. Mit über 1000 Besuchern der bislang ersten Veranstaltung dieser Art war dieses Experiment ein voller Erfolg und hat bewiesen, dass Wirtschaft äußerst spannend ist und dazu noch Spaß machen darf.
Wie passen Unterhaltungsshow und Finanzenwelt zusammen?
Sogar ausgezeichnet. Das Thema Geld darf durchaus Spaß machen. Und schon die Wirtschaftswoche wusste: „Nichts ist spannender als die Wirtschaft!“ Wichtig ist dabei aber, dass die Menschen konkrete Informationen erhalten, wenn auch mit gewissem Augenzwinkern verpackt.
2012 soll der Parketthandel abgeschafft werden. Wie feiern Sie den Abschied?
Das ist kein Grund zum Feiern – der Parketthandel war nicht nur ein Marktplatz der Aktien, sondern auch ein Marktplatz der Informationen. Aber in Zeiten, in denen es um sekundenschnelle Wetten statt um langfristige Investments geht, kann der Mensch mit der Geschwindigkeit der Maschine nicht mehr mithalten.
Also ein notweniger Abschied?
Ein teilweiser Abschied: Die Dienstleistung des Maklers gerade in kleineren Nebenwerten dringend benötigt, weshalb es nicht zu einer Abschaffung des Parketthandels, sondern zu einer Verschmelzung mit dem elektronischen Handelssystem kommt.
Hedge-Fonds und Brokerhäuser besetzen freie Stellen neuerdings mit professionellen Pokerspielern. Sind Pokerspieler sind die besseren Börsenhändler?
Leider gibt es hier inzwischen viele Parallelen.
Sollte die Finanzkrise ins Kino kommen – welche Rolle würden Sie gerne spielen?
Meine eigene.




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