Die internationale Wirtschaftspresse rauft sich weiter die Haare über die Euro-Rettungsaktion. Das Wall Street Journal fürchtet, dem IWF werde das Geld für wahrhaft bedürftige Staaten ausgeben. Die Börsen-Zeitung jagt den Riesen-Bären. La Tribune sieht Europa von Afrika abgehängt. Fundstück: Investmentbanker gehen auf Safari.
Der britische Economist meint, die wahre Sorge sei nun, dass der Rettungsplan für den Euro vertane Mühe sei und führt drei Trugschlüsse europäischer Führer als Gründe an. „Der erste ist das „Erschieß den Boten der schlechten Nachricht-Syndrom“, kommentiert das Wirtschaftsmagazin Bemühungen wie etwa den deutschen Bann von Leerverkäufen. Der zweite das exzessive Vertrauen in die Wirkung von Angst und Schrecken, die schon für die nötige Haushaltsdisziplin sorgen würden. Griechenland habe ein Insolvenzproblem, kein Illiquiditätsproblem, hält das Blatt fest. Die Regierungen und Regulierer der Eurozone sollten die Schuldenrestrukturierung planen, inklusive der Auflage für Banken, die griechische Anleihen halten, auf einen Teil der Tilgung zu verzichten („haircuts“). Der dritte und störendste Trugschluss sei, dass tiefere Strukturreformen nicht nötig seien und alles gut werde, wenn nur Griechenland und andere Eurozonen-Nachzügler ihre Haushaltsdefizite beschränkten. „Das ist sowohl masochistisch, als auch feige“, urteilt das Blatt. Wie traurig, dass die meisten Eurozonen-Regierungen es immer noch nicht kapierten, findet die Wirtschaftszeitschrift. „Und wie pathetisch, dass sie ihre Ignoranz damit verhüllen, Hedgefondsmanager in London zu beschuldigen.“
„Die Europäischen Führer von Deutschland bis Griechenland stellen klar, dass sie die Eurozone nicht kampflos auseinanderbrechen lassen werden“, stellt die BusinessWeek fest. Sie halten den Euro für bewahrenswert, weil er Handel und Investitionen unter den 16 Mitgliedsstaaten befördere und Stabilität befördere. Die Eurozone habe kurz vor dem Kollaps das Vertrauen wieder hergestellt, zitiert das Blatt Frankreichs Finanzministerin Caroline Lagarde und fügt an: „Ihre unausgesprochene Mitteilung: Wenn die Eurozone geht, wird sie das nicht still und leise tun.“. Die Nationen würden mehr von ihrer fiskalischen Unabhängigkeit aufgeben müssen und strengere Haushaltsregeln einhalten – mit echten Strafen für Nichteinhaltung, fordert das Blatt. „Die Herausforderung werde sein zu zeigen, dass alle 16 Nationen, die den Euro nutzen, dies auch verdienen.“ Dass dabei Deutschland – und nicht Griechenland – dereinst die Währungsunion verlassen werde, hält das Blatt für den interessanteren und zwingenderen Gedanken.
„Die einzige Alternative zu größerer Koordinierung der Wirtschaftspolitik in den Ländern ist die Auflösung des Euro“, schreibt der der ehemalige italienische Premierminister und Präsident der EU-Kommission, Romano Prodi in der Financial Times in einem Gastkommentator. „Das wäre ein verheerender Schlag für das europäische Projekt – und vor allem für Deutschland entsetzlich.“ Sein Handelsbilanzüberschuss würde schnell austrocknen, erwartet er. Der FT-Gastkommentator hält die jüngsten Brüsseler Entscheidungen für einen „sehr wichtigen Schritt zur graduellen Schaffung einer Europäischen Finanzföderation“. Gemeinsam mit den Schritten der Europäischen Zentralbank sieht er darin einen weiteres Fortschritt des Stabilitäts- und Wachstumspakts. „Auch wenn diese Rettung sehr spät, zu extrem hohen Kosten und mit einem Schaden für Europas Image verbunden sei, segelt das Schiff der Europäischen Union nun in die richtige Richtung“, befindet Prodi.
Kein IWF-Geld mehr für wahrhaft Bedürftige
Lange hätten die Europäer die Schwellenländer über die Übel der fiskalischen Verschwendung und die Tugend der Vorsicht belehrt, schreibt das Wall Street Journal. „So unterhaltsam es jetzt sein könnte, die Europäer in ihrer eigenen Schlinge gefangen zu sehen – der Kontinent ist kein Anlass zum Lachen.“ Schon bald könnten sich Schwellenländer darüber sorgen, dass Europa sie als Kandidat für IWF-Kredite wegen dessen begrenzter Verleihkapazität verdrängen werde. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Alarmglocken in diesen Volkswirtschaften läuten“, erwartet das WSJ. Griechenland solle besser pleite gehen. Die IWF-Unterstützung werde diesen üblen Tag nur verschieben. Seine Kredite seien kein Allheilmittel für unvernünftige Volkswirtschaften. Und viele Schwellenländer seien heute nicht aus Unvernunft den Risiken des Kapitalabflusses ausgesetzt, sondern weil Panik wie im Jahr 2008 alle Unterscheidungen ertränken könne, warnt das Blatt. Die lang diskutierte IWF-Reform sei dringend nötig. Zugunsten der so genannten BRIC-Länder Brasilien, Russland, Indien und China – zu Lasten leichtsinniger Euro-Länder.
Die Spuren des Riesen-Bären
Die Börsen-Zeitung folgt rätselhaften Tatzenspuren auf den Grundstücken der Finanzaufsichten, hierzulande wie in Washington. „Der Legende nach stammen die Spuren von dem Riesen-Bären, den die Finanzinstitute und ihre Adlaten den Aufsehern aufbanden, als sie ihnen seinerzeit weis machten, der Sektor vermöge sich am allerbesten selbst zu regulieren“, schreibt die Zeitung. Nun, im dritten Krisenjahr wachse der Frust über den Informationsvorsprung der Investmentbanken gegenüber ihren Kunden. Die zunehmende Entschlossenheit der Behörden, dagegen vorzugehen, wertet die Zeitung als Indiz, dass dies das Ende bedeuten könne „für die Investmentbank, wie wir sie kennen.“
SOS – eine endlose Geschichte
Die spanische Wirtschaftszeitung Cinco Días sieht in dem seit Monaten anhaltenden Tauziehen zwischen Aktionären, Vorständen und Gläubigerbanken des Lebensmittelkonzerns SOS eine Geschichte ohne Ende. Wie umherirrende Spielfiguren in einem Irrgarten suche jedes Lager nach dem nächstgelegenen Ausgang, ohne diesen jemals zu finden; ein Drama, dass sich vor eineinhalb Jahren niemand habe vorstellen können. Eine Kapitalerweiterung von 172 Millionen Euro wolle sich der Vorstand von SOS nun von der anberaumten Aktionärsversammlung absegnen lassen, um sich für die Verhandlungen zur Refinanzierung des unternehmenseigenen Schuldenbergs von über 1,3 Milliarden Euro Luft zu verschaffen. Ob die Kapitalerweiterung allerdings tatsächlich stattfinden werde, hänge maßgeblich von der Zustimmung der Kleinaktionäre ab, denen die Hauptversammlung sicherlich gerade recht komme, um mit der Leistung des Vorstandes abzurechnen, vermutet die Zeitung.
Afrika hängt Europa ab
„Was für ein Parodoxon: Während die Eurozone in den Strudel der Finanzkrise gerät, zeigen die afrikanischen Staaten Krisenresistenz“, deklamiert La Tribune mit Erstaunen. Der Kontinent habe sein Defizit auf 1,2 Prozent des Bruttosozialprodukts reduziert und seine Staatsschulden auf zehn Prozent des Bruttosozialprodukts gesenkt. Ein Grund für diese Entwicklung sei in der kaum geschwächten Wirtschaftsaktivität Afrikas während der Krise zu vermuten, ein weiterer im dynamischen Wirtschaftswachstum des letzten Jahrzehnts (durchschnittlich 4,7 Prozent). „Die afrikanischen Staaten holen gegenüber den reichen Staaten erstmals auf“, kommentiert die französische Wirtschaftszeitung. Es dürfe aber nicht außer Acht gelassen werden, dass Afrika von den wachsenden Investitionen aus dem Ausland profitiere, mancher Analyst halte die Investitonen in den schwarzen Kontinent für krisenunanfälliger als Investitionen in entwickelte Länder. „Dennoch sollte Afrika einen kühlen Kopf bewahren: Es vereint gerade mal drei Prozent des Welthandels auf sich“, mahnt das Blatt.
Fundstück: Ex-Investmentbanker auf der Suche nach dem wahren Abenteuer
Wow, das ist ein wahrer Aussteiger: Der US-Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg stellt den Banker Jose Cortes vor, der seinen hochdotierten Job bei Nomura aufgibt. Seine neue Herausforderung: in Afrika für reiche Asiaten Safari-Touren organisieren. Rechtzeitig zur Fußball-WM wolle Cortes nach Kapstadt ziehen, um Kontakte zu knüpfen. „Ich sehe so viele Banker, die zwischen 50 und 60 sind und keine Leidenschaft mehr haben“, begründet der 44-Jährige seine Entscheidung. Laut Bloomberg reiht Cortes sich in eine ganze Schlange von Bankern ein, die ihrem Herzen in die Selbständigkeit – und das Abenteuer – gefolgt seien. Der frühere Citigroup-Chef für indische Währungen, Nikhil Nagle, habe im März den Hut genommen. Heute? Setzt er sich für den Schutz von Tigern ein. UBS-Währungs-Stratege Benedikt Germanier baue derweil maßgeschneiderte Skier.
Mitarbeit: Florian Käfer, Peggy Pfaff
ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird.



0 Kommentare zu “Ist der Rettungsplan für den Euro vertane Mühe?”