Chaos in Berlin, Chaos in Europa?

Die internationale Wirtschaftspresse übt harsche Kritik an Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts der drohenden Regierungskrise und deren Folgen für die Eurozone. „Fortune“ sieht eine Privatisierungswelle auf die USA zurollen. „Les Echos“ zollt dem Automobil Respekt. „Cinco Días“ ist von der geplanten spanischen Arbeitsmarktreform enttäuscht. Fundstück: Russlands Finanzminister heilt Alkoholismus.

“Das Berliner Chaos ist schlecht für Europa”, lautet die mahnende Botschaft der Financial Times aus London an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die deutsche Regierungschefin scheine gerade in dem Moment Schwierigkeiten mit ihrer Durchsetzungsfähigkeit zu haben, in der Deutschland mit unvorhergesehenen Herausforderungen bei der Umsetzung des Sparpakets konfrontiert werde und mit den anderen EU-Mitgliedsstaaten eine gemeinsame Strategie zum Umgang mit der Krise der Eurozone finden müsse. “In ihrer eigenen Partei werden Forderungen nach einer Steuererhöhung für Reiche laut, der Koalitionspartner FDP ist strikt dagegen. Vorausgegangen war der Streit um Subventionen für GM, die Wirtschaftsminister Rainer Brüderle vollkommen richtig zurückwies, Verteidgungminister Karl-Theodor zu Guttenberg soll mit seinem Rücktritt gedroht haben aufgrund von Differenzen zur Wehrpflicht und zu Einsparungen bei der Bundeswehr.” Das Kanzleramt scheine in Chaos zu versinken. Wenn nun noch Christian Wullf bei der Wahl zum Bundespräsidenten durchfalle, könne die Koalition zerbrechen. “Das wäre schlecht für Deutschland, und für die Europäische Union, denn beide brauchen eine klare Führung aus Berlin.” Eine Fortsetzung des “Gezänks” sei aber genauso schlecht. “Angela Merkel muss endlich Ordnung in ihr Haus bringen”, lautet die Forderung des Blattes.

“Verantwortungsverweigerung” wirft die Financial Times Deutschland Angela Merkel vor: Die Bundeskanzlerin regiere so, als tue sie es nicht, sie verhalte sich machttataktisch berechnend: “Und das mitten in einer Wirtschafts- und Euro-Krise, die noch lange nicht ausgestanden ist. Verantwortungsbewusstsein sieht anders aus”, schimpft das Blatt.

Wall Street & Co. erobern Amerika

Eine Privatisierungswelle sagt das US-Wirtschaftsmagazin Fortune den Amerikanern voraus. Bislang seien Investoren gern von Politikern gefoppt worden, weil diese meinten, dass der Verkauf einer Straße an Blackstone nicht ihre Wiederwahl garantiere. Doch nun hätten sich die Voraussetzungen geändert: “Städte und Staaten der USA sind hoch verschuldet. Die dort verantwortlichen Politiker beginnen sich zu fragen, was Wähler mehr verärgert: Wohlfahrtsprogramme kürzen und Steuern erhöhen, oder aber Parkplätze an Privatunternehmen zu verkaufen.” Zudem hätten Investoren dazugelernt: Sie seien heute oft bereit, Public Private Partnerships einzugehen, und begnügten sich oft zuerst mit bescheidenen Anlagen, wie Tiefgaragen, bevor sie es wagten, für Tunnel oder Brücken zu bieten, die mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen. “Wenn sie erst mal gezeigt haben, dass sie die ihnen übertragenen Vermögenswerte ordentlich und im Sinne der Bevölkerung verwalten, werden sie bald auch Objekte mit mehr Prestige erhalten.” Grund für ihr Interesse sei, dass öffentliche Gebäuden und Einrichtungen langfristig vorhersehbare Erträge und Gewinne versprechen.

Das Auto bleibt in der Spur

Über die Krisenresistenz der Automobilbranche staunt Les Echos. 2008, mit Beginn der Krise in der Branche, sei man von einem massiven Umsturz ausgegangen: Kunden würden künftig Autos nach ihren Kosten bewerten, und nur in den Entwicklungsländern werde der Markt weiter boomen. “Heute, zwei Jahre später, haben Elektroautos und Niedrigpreismodell zwar Punkte gemacht, doch der durchschnittliche Kunde träumt noch immer von den starken, deutschen Marken”, kommentiert das französische Wirtschaftsblatt. Volkswagen und Hyundai hätten profitiert, Fiat einen Coup mit Chrysler hingelegt, und chinesische Autobauer erlangten Gewalt über traditionelle Marken. “Nun ist auch General Motors wieder auf dem Weg zu Wachstum.” Im Vergleich zu Vorkrisenzeiten habe sich tatsächlich nicht viel geändert, ein Automobilkonzern sei nach wie vor erfolgreich, wenn er starke Präsenz im angestammten Markt zeige und obendrein in den neuen Märkten in China, Indien, Russland oder Brasilien mitmische. “Trotz Krise ist das Auto auf der Straße geblieben”, so das Fazit.

Spanische Arbeitsmarktreform enttäuschend

Die Wirtschaftszeitung Cinco Días äußert sich enttäuscht über die am Wochenende veröffentlichten Einzelheiten zur Arbeitsmarktreform der spanischen Regierung. Unzureichend sei diese und weit entfernt von den versprochenen, tiefgreifenden Maßnahmen, die das Land dringend brauche. Von der “wichtigsten Reform der letzten 25 Jahre”, wie zuvor vom spanischen Regierungschef José Zapatero beworben, könne keine Rede sein. Schließlich beschränke sich der Gesetzesentwurf auf reine Oberflächlichkeiten und enthalte kaum Lösungsvorschläge für die strukturellen Probleme des Landes. Der eigentlichen Debatte über die nötige Reform des Kündigungsrechtes gehe die Regierung bewusst aus dem Weg und schaffe so kaum Anreize für neue Arbeitsplätze, urteilt die Zeitung.

Fußballweltmeisterschaft vs. Arbeitsproduktivität

Mit der Begeisterung für die Fußball-WM sinke die Produktivität, trübt die Business Times aus Singapur die Freude über den Start der Fußball-WM. Der World Cup werde zweifellos Auswirkungen auf die Arbeitsleistungen haben, sowohl im lokalen Bereich als auch global – da seien sich Experten aus dem Personalmanagement sicher. Studien hätten belegt, dass zu WMs regelmäßig die Anzahl der Krankmeldungen steigen. Zur WM 2006 hätten z. B. 26 Prozent von 1.300 Befragten geplant, zu Hause zu bleiben oder verkürzt zu arbeiten. Dies bedeute Millionen von Arbeitsstunden an verlorener Arbeitsleistung. Beim letzten Cup hätten britische Unternehmen etwa eine Milliarde US-Dollar Verlust eingefahren – wegen Krankschreibungen und “Nach-Spiel-Trägheit”. Für Arbeitgeber sei es nicht leicht, wenn Angestellte Spiele auf ihren PCs verfolgten oder danach darüber diskutierten. Aber Arbeitgeber sollten auch Verständnis zeigen, um nicht von der “Welt-Cup-Walze überrollt zu werden.” Sie könnten die Chance nutzen, ein gutes Verhältnis zu ihren Mitarbeitern aufzubauen sowie deren Moral zu stärken, indem sie Interesse am Turnier zeigten oder gar zusammen mit ihnen die Spiele anschauten.

Chinas Arbeiterklasse geht voran

Die positiven Effekte der Lohnerhöhungen in China für die ganze Welt lotet der BusinessSpectator aus. Foxconn, Apple-Produzent und größter Arbeitgeber in China, habe nach der Selbstmordwelle die Löhne erhöht, und Honda-Arbeiter hätten gar für höhere Löhne gestreikt: “Die neue Generation Chinesen, erwachsen aus der Nur-ein-Kind-Politik und verwöhnt wie kleine Könige, nimmt die bisherigen Arbeitsbedingungen nicht mehr hin”, meint die australische Wirtschaftszeitung. Dies könne zu geringeren Preisen für Produkte führen und deflatorischen Druck auf die Weltwirtschaft ausüben. “Denn höhere Löhne in China bedeuten mehr Konsum, und damit eine Reduktion des immensen Handelsbilanzüberschusses Chinas mit diversen Nationen. Und das kann nur gut sein.” Und am Ende könnten nicht nur Chinas Arbeiter gewinnen und höhere Löhne bekommen, sondern auch die Arbeiter in allen anderen Staaten.

Russlands Finanzminister heilt Alkoholismus

“Die Gesundheit der Russen liegt offensichtlich vor allem dem Fiskus am Herzen und nicht dem Gesundheitsministerium, wie man wegen der Namensgebung zunächst vermuten könnte”, schreibt das Wirtschaftsmagazin Finans. Aus dem Finanzministerium sei nämlich der Vorschlag gekommen, den Mindestpreis für eine 0,5 Liter Flasche Wodka im russischen Einzelhandel auf rund fünf Euro anzuheben. Ähnlich sei es bereits mit der Steuererhöhung für niedrigprozentigen Alkohol wie Bier und Wein gewesen. Auch hinter der neuen Tabakabgabe, die die Zigarettenpreise um rund 20 Prozent erhöhen werde, stecke das Finanzministerium. “Wer hätte gedacht, dass das Defizit im russischen Haushalt die Regierung endlich dazu bewegt, den Alkoholismus und das Rauchen zu bekämpfen”, kommentiert das Blatt.

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florain Käfer, Maxim Kireev.

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