Die Internationale Wirtschaftspresse beschäftigt sich mit dem Stresstest-Beschluss des EU-Gipfels. Der Economist fürchtet: Zuviel Durst auf Unternehmerblut tut gar nicht gut. Challenges traut dem Euro einige Widerstandskraft zu. Fundstück: Warum der Tablet-PC ein Fahrrad ist.
Auch wenn es nur in Artikel 14 eines uninspirierenden Sets von Gipfelempfehlungen begraben liege – die 27 Führer der Europäischen Union hätten heute eine nützliche und wichtige Entscheidung getroffen, zeigt sich der Europapolitik-Blogger des Economist überzeugt: die Ergebnisse der Stresstests von Europas 25 größten Banken zu veröffentlichen. Bei allen populistischen Attacken gegen Unmoral oder Casino-Kapitalismus der Finanzmärkte, sei ihre vernünftige und binnen eines Tages getroffene Entscheidung getrieben vom Druck der Märkte gewesen. “Wieder einmal haben die Märkte die einzige verlässliche Quelle von Disziplin und Strenge geliefert. Während die Idee für die Veröffentlichung von Spanien-kam – in der Hoffnung, eine Prise Transparenz werde für beruhigende Überraschung sorgen -, seien die Deutschen zurückhaltender gewesen. Deutsche Bank-Chef Josef Ackerman habe die Veröffentlichung als “sehr sehr gefährlich” bezeichnet. Und wenig überraschend sei auch Deutschlands öffentlicher Banksektor dagegen. “Sie werden die meisten europäischen Politiker nie dazu bringen, es zuzugeben, aber sie tun endlich das richtige – und das kommt bei diesen verhassten Marktkräften an.”
Die EU solle die Ergebnisse ihrer Stresstests für europäische Geldhäuser lieber unter Verschluss halten, rät die Financial Times Deutschland . “Eine Publikation der Daten über Europas Banken würde mehr Probleme schaffen als lösen.” Denn für den Umgang mit Banken, die beim Stresstest schlecht abschnitten, fehle die Strategie.
Auch das Manager Magazin beobachtet die Unruhe in der Branche nach der Ankündigung, die Ergebnisse des Banken-Stresstests würden veröffentlicht. Und fragt sich, was wohl der deutsche Bankenverband mit seiner Forderung sagen wolle, es dürfe “keinen Raum für Fehlinterpretationen” geben.
Deutschland darf nicht mehr Zahlmeister sein
Die Linie, auf die sich Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy einigten, sei international sowieso nicht durchsetzbar, ist die Börsen-Zeitung überzeugt. Das jüngste Treffen “diente in erster Linie dazu, Gegensätze zu übertünchen”, glaubt das Blatt.
Durst nach Unternehmerblut schadet der Wirtschaft
Angetrieben vom Spott seiner Landsleute über seine Unfähigkeit, habe Barack Obama das einzig verfügbare Ziel in Sachen Ölkatastrophe angegriffen, analysiert der Economist : BP. Die finanziellen Zugeständnisse der Firma würden Obama Genugtuung verschaffen. Dass dies aber Amerika viel nützen werde, bezweifelt das Blatt. Die Geschäftsleute werde diese Episode nicht ermutigen. “Amerika hat ein gutentwickeltes System, Unternehmen dazu zu bringen, für den von ihnen verursachten Schaden zu bezahlen”, erinnert das Blatt. Und BP habe seit langem akzeptiert, voll zahlen zu müssen. “Aber das reichte nie, um den Durst nach Unternehmensblut im Land zu stillen.” Niemand solle das Ausmaß von BPs Fehler unterschätzen oder den Schaden, den er verursacht hat. “Aber wenn der Präsident sich nicht für einen fairen Prozess einsetzt, wird er Investoren durch die Bank abschrecken”, fürchtet das Blatt. Der Schaden für Amerikas Umwelt sei schlimm genug. Der Präsident riskiere, auch die Wirtschaft zu beschädigen.
Der Euro besitzt Widerstandskraft
Über die relative Stabilität des Euro freut sich der französische Wirtschaftstitel Challenges. Obwohl die Währung zuletzt gelitten habe unter Gerüchten, dass auch Spanien an die Mitgliedsstaaten der Eurozone mit der Bitte um Hilfe herantreten könnte. “Die Krise scheint noch lange nicht vorbei zu sein, es wurde ein neuer Anstieg von Verbindlichkeiten in den Staaten festgestellt, die in Schwierigkeiten sind. Und der Zinssatz für das spanische Papier ist auf 4,9 Prozent gestiegen.” Der Euro habe all dem offenbar widerstehen können. “Für Analysten ist diese Widerstandskraft beeindruckend, gerade auch vor dem Hintergrund, dass Griechenland von Moody?s herabgewertet wurde.” Kurios sei, dass der Handelsüberschuss der Eurozone in April nicht so hoch ausgefallen sei wie erwartet. Die Exportzahlen hätten nur minimal über den Importzahlen gelegen, “obwohl der Euro im Wert gesunken war und eine schwache Währung im Prinzip den Export stimuliert.”
Nummer Sicher bei der Beschränkung
Das Wall Street Journal warnt davor, sich von der niedrigen Verzinsung täuschen zu lassen. Die Regierung könne sehr schnell an die Grenzen ihrer Verschuldungsmöglichkeiten stoßen. Die Vereinigten Staaten und fast der ganze Rest der entwickelten Welt brauche eine tektonische Verschiebung der Fiskalpolitik. “Schrittweiser Wandel wird nicht angemessen sein.” Im vergangenen Jahrzehnt sei die US-Regierung unfähig gewesen, irgendwelche staatlichen Ausgabenprogramme signifikant zu kürzen. Glücklicherweise bereiten die Grausamkeit der derzeitigen Krise und wachsende Ähnlichkeiten mit Griechenland den Boden für eine ernsthafte Antwort. Unsere Wirtschaft könne sich den schweren Fehler nicht leisten, die zersetzende Kraft dieser Finanzkrise zu unterschätzen, warnt das Blatt. Unser politischer Fokus müsse deshalb darauf liegen, bei der Beschränkung auf Nummer Sicher zu gehen.
Westen darf Türkei nicht verlieren
Die Türkei sei dem Westen nicht verloren gegangen, schreibt die Financial Times . “Noch nicht jedenfalls.” Aber die Bedingungen des Engagements hätten sich verändert: “Die Türkei ist nicht länger der Bewerber, der er in der Vorstellung vieler in den USA und Europa bleiben wird.” Es fühle sich an wie ein anderes Land: Wirtschaftlich vibrierend und politisch selbstbewusst, ist es aus der ihm vom Westen zugedachten Rolle herausgewachsen. Und weit davon entfernt, Europa den Rücken zu kehren. “Es kommt dieser Tage nicht oft vor, dass Sie jemanden die EU preisen hören”, schreibt das Blatt. “Türkische Politiker sind die Ausnahme.” Die Ironie bestehe darin, dass die neue, durchsetzungsfähige Türke dem Westen mehr zu bieten hat, als sein bittender Vorgänger. “Das ist die Türkei, die der Westen nicht verlieren darf.”
Fundstück: Warum der Tablet-PC ein Fahrrad ist
Der PC sei ein Lastwagen, räumt das zum Wall Street Verlag gehörende Technik-Onlinemagazin AllThingsD ein. “Du hast Recht, Steve”, gesteht es Apple-Chef Steve Jobs zu. Aber der Tablet-PC sei kein Auto, sondern ein Fahrrad. Jobs hatte gesagt, es sei wie bei der Industrialisierung. Wie Lastwagen, würde es auch danach noch PCs geben. “Sie werden auch noch eine Menge wert sein, aber nur noch von einem von X Leuten benutzt werden”, zitiert der Onlinedienst den Apple-Chef. Auch wenn viele den Tablet nutzen wie ein Laptop, werde es Laptops nicht ersetzen, analysiert die Internetseite. Stattdessen werde der Tablet der andere Privat-Computer – mobiler, für zuhause und draußen. Mit anderen Worten: Das Laptop werde das Auto. “Was, wie ich annehme, den Tablet zum Fahrrad macht.” Vom verkäuferischen Standpunkt müsse das nicht unbedingt schlecht sein. “Fast jeder besitzt ein Fahrrad, oder?”
Mitarbeit: Peggy Pfaff.
ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird.



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