Die internationale Wirtschaftspresse diskutiert einen Tag vor der Veröffentlichung der Stresstestergebnisse kontrovers über Procedere, Auswirkungen, Sieger und Verlierer der Tests. Das Journal des Finances sucht nach Ursachen für die massiven Einbrüche der Aktienkurse französischer Unternehmen. Die Neue Zürcher Zeitung nimmt die Schweizer Nationalbank trotz Milliardenverluste in Schutz. Fundstück: Tornado zerstört US-Haushalt.
Das Wall Street Journal stellt sich gegen die Skeptiker, die in den Stresstests nur den „vorletzten Akt einer Farce“ sähen. Die Veröffentlichung der Ergebnisse, hofft das Blatt, könnte der Katalysator für mehr Liquidität auf dem Interbankenmarkt sein und im besten Fall sogar das Investmentbanking-Geschäft im zweiten Halbjahr ankurbeln. Der größte Effekt für die Banken könnte darin bestehen, das gegenseitige Vertrauen zu stärken und so die Fremdfinanzierungskosten zu senken.
The Banker widmet sich groß und breit den Problemen der deutschen Landesbanken, die zu den Verlierern der Stresstests zählen könnten. Der Druck der EU-Kommission sei inzwischen so groß, dass die Institute gegen die Absichten der Landespolitik reformiert werden könnten. Doch ob beispielsweise die WestLB einen Käufer finde, sei fragwürdig. Bei der BayernLB und HSH Nordbank sei es wahrscheinlich, dass die EU-Kommission die Länderregierungen zum Verkauf drängen werde.
Der Kommentator der Börsen-Zeitung schüttelt den Kopf angesichts der „Mindestkapitalquote im Do-it-yourself-Verfahren“. Hintergrund: Ende voriger Woche habe die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) an die Vorstände der 14 am Stresstest teilnehmenden deutschen Institute einen Brief verschickt, in dem diese aufgefordert würden, ihre erforderliche Kernkapitalquote in den verschiedenen Stress-Szenarien selbst zu bestimmen. Darüberhinaus sollen die Empfänger Möglichkeiten zur Anhebung der Kernkapitalquote auflisten, um das – von der Bank selbst bestimmte – Minimum zu erreichen. „Welche ,nachvollziehbaren realistischen Möglichkeiten’ zur Anhebung der Kernkapitalquote im Einzelfall in Frage kämen, lassen die Aufseher offen. Aber Banker wissen es ja ohnehin: Der Finanzmarktstabilisierungsfonds (Soffin) ist bei Bedarf auch am Wochenende erreichbar.“
Die Financial Times Deutschland kürt vorab die Banco Santander als eines der besten Institute im Test und ergründet in einer Reportage das Erfolgsrezept der Spanier. Statt das eigene Land in den Abgrund zu ziehen, wie es andere Großbanken in ihren Heimatländern getan hätten, habe der Druck der Finanzmärkte auf Spanien dank der Stabilität von Santander zuletzt nachgelassen.
Die Schwesternzeitung Financial Times berichtet, dass Santander die britischen Geschäftszweige im Herbst an der Londoner Börse listen wolle. Die Erlöse sollen in Zukäufe investiert werden, darunter die Übernahmen von 318 Filialen der Royal Bank of Scotland und 173 Standorten der schwedischen SEB in Deutschland.
Aktienkurse auf Ramsch-Niveau
Den Ursachen für massive Kurseinbrüche französischer Börsenunternehmen geht das Journal des Finances nach. Auffällig sei, dass wertstabile Aktien – etwa von EDF, Vivendi, France Télécom, Sanofi Aventis oder Alstom – 2010 mehr als zehn Prozent an Wert verloren hätten. Sie könnten Anleger derzeit kaum begeistern, weil sie nur schwache Erfolgsaussichten hätten: „Die meisten sind mit ihrem Geschäft auf Frankreich oder Europa ausgerichtet, eine Region, die mit schwachem Wachstum kämpft.“ Die Kurse seien mittlerweile auf einem „Ramsch“-Niveau, da sei es logisch, dass Investoren sich zu Aktiengesellschaften hingezogen fühlten, die ihre Priorität auf Wachstum setzten oder zumindest von dem Hauch eines Aufschwungs profitierten. Aber auch die Abhängigkeit von der Nachfrage oder neue behördliche Regeln könnten Gründe sein. „Ins Portfolio gehören ihre Aktien aber nach wie vor – um sie in Notfällen verkaufen zu können: Als Anleger kann man so Erschütterungen an der Börse auffangen und seinen durchschnittlichen Ertragswert halten.“
Spanische Lebensmittelindustrie macht mobil
Einen Tsunami der Empörung habe die spanische Gesundheitsministerin bei Lebensmittelherstellern wie Unilever, Pepsi und Bimbo mit dem Entwurf zum Verbot ungesunder Nahrungsmittel hervorgerufen, beobachtet die Wirtschaftszeitung El Economista. Dieses wolle unter anderem der industriellen Feinbäckerei und gesüßten Getränken in den Schulen an den Kragen. Die möglicherweise bevorstehende Trennung zwischen guten und schlechten Lebensmitteln habe die Großen der Branche zu den Waffen gerufen, deren Stiftung Fundación Alimentum den Gesamtverband der Lebensmittelproduzenten zum geschlossenem Widerstand aufgerufen habe. Der von der Gesundheitsministerin als Kompromiss vorgestellte Entwurf zerstöre jahrelange einträgliche Zusammenarbeit zwischen Politik und Industrie und komme einem Stich in den Rücken gleich, zitiert die Zeitung die aufgebrachte Riege namhafter Hersteller wie Unilever, Kraft, Kellog, Campofrío und Co.
Nationalbank darf Verluste machen
Die Neue Zürcher Zeitung kommentiert die Milliardenverluste der Schweizer Nationalbank und nimmt das Institut dabei in Schutz: Da die Verfolgung geld- und währungspolitischer Ziele Priorität hätten, seien die hohen Verluste zwar bedauerlich, „aber keine Bankrotterklärung“. Grundsätzlich könne die Notenbank unbegrenzt Franken drucken, diese auf den Markt werfen und weitere Devisen anhäufen – die Grenze zur Inflationsgefahr sei vermutlich noch nicht erreicht. „Doch wo sie liegen, weiß niemand genau, weil viel Psychologie hineinspielt – und damit ein kaum berechenbarer Faktor, der sich oft nicht linear entwickelt, sondern ungeahnte Brüche enthält.“
Telekom will Apple & Co. zur Kasse bitten
Im Interview mit dem Manager Magazin skizziert Telekom-Chef René Obermann seine Expansionsstrategie: Anstelle milliardenschwerer Zukäufe wolle das Unternehmen weitere Länder über eigene Internetprodukte beispielsweise aus der Scout-24-Gruppe erschließen. Außerdem werde die Telekom Anbieter von datenintensiven Diensten wie Apple oder Google künftig stärker zur Kasse bitten. „Ein gut gemachtes Netzangebot ist am Ende auch kostenpflichtig“, erklärt Obermann. Die besondere Netzsicherheit oder Übertragungsqualität für Musik oder Video müsse laut Obermann „auch differenziert bepreist werden“.
Fundstück: Tornado zerstört US-Haushalt
“Familie ohne Dach über dem Kopf, nachdem Tornado das Weiße Haus zerstört”, titelt das Satire-Magazin The Onion . „Mein Gott, schaut Euch das an“, zitiert die Online-Zwiebel „den 48-jährigen Regierungsangestellten“, der die Kleidung, die Familienfotos und den Haushalt für das Jahr 2011 durch den Sturm eingebüßt habe. Jetzt lebe die Familie in einer Methodisten-Kirche, bald drohe jedoch der Umzug in einen Schuppen. Ein Foto im Artikel zeigt den 67-jährigen Joe Biden (in ungewohnter Pose), der Barack Obama hilft, die persönlichen Dokumente durchzuforsten, die vom Sturm nicht zerstört wurden.
Mitarbeit: Florian Käfer, Peggy Pfaff



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