Die internationale Wirtschaftspresse begrüßt den Rücktritt von BP-Chef Tony Hayward, zweifelt allerdings gleichzeitig an seinem Nachfolger. Die Financial Times Deutschland sucht nach positiven Seiten des Banken-Stresstests. Börsen-Zeitung und Vedomosti analysieren die Perspektiven einer neuen Privatisierung in Russland. Fundstück: Reguliert den Fußball!
Der britische Energiekonzern BP hat den Rücktritt seines Vorstandschefs Tony Hayward zum 1. Oktober erklärt. Sein Nachfolger wird der Amerikaner Robert Dudley.
Du weißt, dass dein Unternehmen am Boden liegt, wenn der höchstwahrscheinliche Nachfolger auf dem Chefsessel für seinen amerikanischen Tonfall gelobt wird, ätzt das Wall Street Journal . Zum Glück spreche für Robert Dudley als Anwärter auf den CEO-Posten mehr als nur sein Akzent – nicht zuletzt seine Fähigkeit, mit brenzligen Situationen umzugehen. Neben dem Krisenmanagement im Golf von Mexiko habe er früher auch die Geschäfte in Russland geleitet. „Es ist jedoch das Russland-Engagement, was Fragen aufwirft“, schreibt das Blatt. Während seiner Zeit als Chef des russischen Jointventures TNK-BP sei er von den Russen davongejagt worden, als die Beziehungen mit den russischen Partnern einen Tiefpunkt erreicht hätten. „Wird seine Ernennung die Nerven in den USA beruhigen, nur um sie in einem Land, das ein Viertel der Öl- und Gasförderung von BP beisteuert, zu reizen?“, fragt das WSJ. Doch diese Annahme sei unwahrscheinlich. So hätten sich die russischen Partner in dem Konflikt vor zwei Jahren mehr Einfluss gesichert und würden den Status Quo deshalb bewahren wollen. „Doch selbst wenn Russland sich als ruhig erweist und die akute Phase des US-Desasters zu Ende geht, wird jeder neue BP-Chef noch viel Arbeit vor sich haben“, ist die Zeitung überzeugt.
Wenn ein Unternehmen eine Katastrophe erleidet, vom Ausmaß, wie es BP erfahren habe, dann brauche es eine „seelische Reinigung“, meint die Financial Times . Tony Haywards Rücktritt als BP-Chef sei die Voraussetzung für eine Genesung. Haywards Entscheidung zurückzutreten sei richtig, er müsse die Verantwortung für all das tragen, was nach der Katastrophe am 20. April schief gegangen sei. Doch sei dies bei weitem nicht genug. „Die Ölpest hat das Unternehmen geschwächt“, analysiert das Blatt. Es bleibe ungewiss, ob BP weiterhin in den USA arbeiten dürfe. Haywards Abtritt könnte helfen, die Beziehungen zu Amerika zu verbessern. Sein Nachfolger Robert Dudley habe dennoch eine gewaltige To-do-Liste abzuarbeiten. „Er muss herausfinden, was falsch gelaufen ist, die Reputation von BP wiederherstellen und die schlaffe Arbeitsmoral stützen“, fordert das Blatt. Veränderungen sollten jedoch nicht am Büro des CEO stehen bleiben. Auch der Aufsichtsrat müsse gestärkt werden, um die „freibeuterische Managementkultur“ besser zu kontrollieren.
Der Wirtschaftsdienst Reuters äußert Bedenken gegen den wahrscheinlichen neuen BP-Chef. Robert Dudley sei zwar ein exzellenter Diplomat, wegen seiner Wurzeln bei Ameco – einer Ölgesellschaft, die BP 1998 übernommen habe und die die Quelle der meisten Sicherheitsprobleme gewesen sei – sei er „alles andere als die ideale Wahl“, um die Unternehmenskultur von BP zu reformieren. Auf den ersten Blick sei der vom Mississippi stammende Nachfolger von Tony Hayward der Richtige, um die Beziehungen mit „Uncle Sam“ instand zu setzen. Sein Job sei aber mehr, als ein gutes Verhältnis zu den Offiziellen und den Gesetzgebern zu pflegen. „Die Aufgabe des neuen Chefs wird sein, den Ruf von BP für technische Kompetenz und höchste Sicherheitsstandards zu erneuern“, so Reuters. Dudleys Ernennung lasse jedoch an dem Wunsch von BP, sich neu zu erfinden, zweifeln. Von den internen Kandidaten sei Dudley gewiss einer der politisch gewandtesten. Angesichts der Tatsache, dass die langfristige Überlebenschancen von BP an einem erfolgreichen Umbruch der Unternehmenskultur hingen, sei dies allerdings die richtige Zeit für einen externen Kandidaten gewesen.
Positives am Stresstest
Die Financial Times Deutschland sucht Positives am Banken-Stresstest, dessen Ergebnisse am vergangenen Freitag veröffentlicht worden sind. Immerhin hätten sich Europa und seine Institutionen innerhalb eines Monats zusammengerauft, um dieses Projekt zu stemmen, was angesichts nationaler Befindlichkeiten und der Fülle an Definitions- und Abgrenzungsfragen keine Selbstverständlichkeit gewesen sei.
Russland: Marktwirtschaft gegen Budgetdefizit
Privatisierung gelte in Russland noch immer als ein Schimpfwort, schreibt die Wirtschaftszeitung Vedomosti. Die Öffentlichkeit sei überzeugt, dass Mitte der 90er Jahre das Staatseigentum unter seinem Wert verscherbelt worden sei und die neuen Eigentümer es also illegal besäßen. Das Budgetdefizit jedoch zwinge nun die russische Regierung, wieder über den Verkauf von staatlichem Eigentum nachzudenken. Das Finanzministerium rechne mit Einnahmen von rund 30 Milliarden Dollar aus möglichen Verkäufen von Aktienpaketen an den größten russischen Staatsbetrieben wie Rosneft oder Sberbank. „Wer auch immer Käufer dieser Aktien sein wird, die Privatisierung ist immer eine Wohltat“, ist die Zeitung überzeugt. Dies würde nicht nur die Effektivität der Unternehmen steigern, sondern auch die Nachfrage nach Institutionen, die privates Eigentum schützen. In den letzten Jahren sei diese Nachfrage gesunken, weil der Staat eine zu große Rolle in der Wirtschaft eingenommen habe.
Die Börsen-Zeitung findet die angekündigte Privatisierungswelle in Russland aufsehenerregend. Nicht nur weil der Staat nach der Privatisierung kurz nach Ende der Sowjetzeit keine nennenswerten Vermögenswerte abgegeben habe, sondern weil die Reformen vor knapp zwei Jahrzehnten weitestgehend danebengegangen sein und jene Oligarchen hervorgebracht hätten, die aufgrund der Monopolisierung des Marktes die Betriebe kaum modernisierten. „Der Moment dürfte gut gewählt sein“, meint das Blatt. „Das Interesse an Reformstaaten“ werde in den nächsten Jahren groß bleiben. Deshalb sei zu erwarten, dass sich auch Portfolioinvestoren und westliche Fonds anstellten. Heikler sei die Frage nach dem Motiv zur Privatisierung. Seit 2003 habe Russland seine Privatisierungspläne höchstens zur Hälfte erfüllt. Das Vorhaben scheine allein dem leeren Staatssäckel zu entspringen. „Ein höherer Ölpreis würde ihn schnell wieder füllen – und den Privatisierungsplan stoppen“, fürchtet die Zeitung.
Spanische Flugaufsicht wird privatisiert
Die spanische Wirtschaftszeitung Expansión sieht Indra und Ferrovial als aussichtsreichste Kandidaten im Wettkampf um die Übernahme der Kontrolltürme auf spanischen Flughäfen. Erst am Freitag hatte der spanische Ministerrat der Privatisierung der bisher von der staatlichen Gesellschaft AENA geführten Flughafenaufsicht zugestimmt. Chancen haben laut Branchenexperten insbesondere Unternehmen wie Ferrovial, die bereits im Flughafengeschäft tätig seien. Wahrscheinlich sei auch, dass sich spanische und ausländische Unternehmen gemeinsam für die Übernahme der Flughafenaufsicht bewerben, kommentiert die Zeitung. Unter anderem seien die deutsche DFS, die italienische ENAV und die irische IAA als mögliche Partner im Gespräch. Vorerst betreffe die Privatisierung allerdings vor allem kleinere Flughäfen, deren Lotsenbetrieb nicht so komplex sei, wie der von Madrid Barajas oder Barcelona El Prat. Diese und auch die Luftverkehrsaufsicht außerhalb der Flughäfen bleiben weiterhin in staatlichen Händen, schließt das Blatt.
Fundstück: Der börsentägliche Blick in die internationale Wirtschaftspresse.
Die New York Times vergleicht den Reformbedarf in der Fußballwelt mit dem der Finanzmärkte. Die Regeln müssten den Schiedsrichterjob so einfach wie möglich machen. Zweitens könnten Regulierer und Schiris nicht jede Regelwidrigkeit erkennen, daher müsse das Augenmerk auf den wirklich wichtigen Dingen liegen. Und Drittens solle Leistung, nicht aber die Regulierer über den Ausgang entscheiden – die besten Schiedsrichter seien die, die wir als Zuschauer nicht bemerkten. Als Beispiel dient etwa die Abseitsregel. Es sei mit dem menschlichen Auge kaum möglich, in knappen Situationen zu entscheiden. Daher müsste die Regel so verändert werden, dass der ganze Körper des Spielers im Abseits stehen muss und nicht nur ein Körperteil. „Ziel ist es, den Schiedsrichterjob einfacher zu machen“. Im Fall von Bernard Madoff habe die US-Börsenaufsicht SEC zum Beispiel Probleme gehabt, ihn als Betrüger zu entlarven. Sie hätten einfach eine Regel gebraucht, die Anleger wie Madoff dazu zwingt, alle von ihm gemanagten Assets zu dokumentieren.



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