Die internationale Wirtschaftspresse kommentiert den Aufstieg Chinas zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt. Die Börsen-Zeitung analysiert Deutschlands Atompolitik. Vedomosti untersucht die russische Getreidekrise. Expansion begrüßt den Börsengang von Enel Green Power. Fundstück: Ein Volk von Schlawinern
In diesem Jahr wird China voraussichtlich Japans Wirtschaft auf Platz zwei in der Weltrangliste der größten Volkswirtschaften verweisen.
Chinas wirtschaftliches Überholmanöver vorbei an Japan sei ein historischer Machtwechsel, der sich trotzdem seit längerem abgezeichnet habe, schreibt die Financial Times Deutschland . Gleichzeitig sei dies der Gipfel des seit „zwei Jahrzehnten währenden Niederganges Japans“. Japan sei heute eine Wirtschaft mit einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung ungesunder Exportabhängigkeit und der höchsten Verschuldung unter den entwickelten Staaten. Es sei Chinas Wirtschaft gewesen, die in der Krise wieder etwas Nachfrage geschaffen habe. Es sei Chinas Konjunktur gewesen, die in der anschließenden globalen Erholung weltweit den Takt vorgab – auch für die deutsche Wirtschaft. Die Geschichte zeige jedoch, wie vorsichtig man mit Spekulationen um künftige Wirtschaftsmächte umgehen sollte. „In den 80er-Jahren glaubten viele, dass Japans Wirtschaft bald die Nummer eins werden würde. Dann kam die große japanische Krise – und plötzlich sei alles anders gewesen.“ In China könnten faule Kredite und Immobilienblasen das Wirtschaftswunderland gefährden“, warnt das Blatt
Der Symbolwert der neuen wirtschaftlichen Weltrangliste sollte nicht einfach vernachlässigt werden, schreibt The Gobe an Mail . Das ehemals isolierte, kommunistische Land habe sich lange danach gesehnt, die wirtschaftliche Vormachtstellung in Asien wieder zu erlangen. Kein einziges Entwicklungsland habe in so kurzer Zeit so viel Einfluss gewinnen können. 2007, als die entwickelte Welt in die schlimmste globale Rezession schlidderte, sei China der letzte Hoffnungsschimmer geblieben. Wenn es so weiter gehe, könnte China bereits in 10 bis 15 Jahren die USA als größte Volkswirtschaft ablösen. „China hat jedoch noch einen weiten Weg vor sich, bevor es den Status eines Entwicklungslandes loswerden kann“, schreibt das Blatt. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrage nur rund 4000 Dollar und konkurriere eher mit Equador, Algerien oder Südafrika. Beim Einkommen liege das Land auf Platz 92 noch hinter wirtschaftlichen Leichtgewichten wie Albanien.
Der australische Business Spectator bezeichnet Chinas Entwicklungsstrategie trotz der aktuellen Erfolgsmeldungen als „zunehmend riskant“. Der Anteil der Wirtschaftsleistung, der für den Konsum aufgewendet wird, sei seit 2000 rapide gesunken: von 46 auf 36 Prozent des BIP. Die Regierung bekämpfe diesen Umstand mit Subventionen, etwa für den Autokauf. Dies sei allerdings kaum nachhaltig, weil der chinesische Konsument die Maßnahmen quasi durch versteckte Steuern bezahlen müsse. Das Wachstum beruhe auf dem Modell, dass Wohlstand von den Haushalten abgeschöpft werde, um das Wachstum zu fördern. Dies führe auf Dauer zu Überinvestitionen und ineffizienter Kapitalallokation. Damit erinnere das Land selber an Japan, das es gerade hinter sich gelassen habe.
Atomares PR-Feuerwerk
Die Atombranche zünde momentan ein wahres mediales Feuerwerk, berichtet die Börsen-Zeitung. Jetzt hätten die Konzernchefs von Eon, RWE, EnBW und Vattenfall Europe sogar in einem gemeinsamen Interview Seite an Seite gestanden, um via Boulevardzeitung noch einmal ihre Argumente unters Volk zu bringen: Atomkraft sei gut für Klimaschutz, Versorgungssicherheit, Strompreise, Arbeitsplätze und die deutsche Wirtschaft insgesamt, so die Botschaft. Der Kampf sei verständlich, schließlich gehe es um viel Geld. „Bei einer Laufzeitverlängerung könnte je nach Ausgestaltung langfristig durchaus eine dreistellige Milliarden-Euro-Summe zur Verteilung anstehen“, argumentiert das Blatt. Auf der anderen Seite stehe die Brennelementesteuer zur Diskussion, die die üppigen Margen drücken würde. Die Summen, um die es in dem Atomgefeilsche gehe, hätten auf allen Seiten Begehrlichkeiten geweckt – in den Firmenzentralen, vor allem aber in Berlin. Schon längst gehe es in der Diskussion mehr um das Füllen von Haushaltslöchern als um die langfristige Versorgungssicherheit im Land. „Genau deshalb verfestigt sich zurzeit auch der Eindruck, dass Deutschland eigentlich gar keine längeren Laufzeiten seiner Atomkraftwerke benötigt. Das Land braucht nur das Geld, das mit den Meilern verdient wird“, so das Blatt.
Börsengang als positives Signal
Ein vielversprechendes Projekt sei der geplante Gang von Enel Green Power an die Madrider Börse und ein positives Signal für den Markt der erneuerbaren Energien in Spanien, kommentiert die Wirtschaftszeitung Expansión. Dieser habe in den letzten Jahren unter der Finanzkrise und fehlender Liquidität gelitten und kaum nennenswerte Börsengänge verzeichnet. Dass die Ökostrom-Tochter von Enel nun neben Milano Madrid als Handelsplatz in Betracht ziehe, sei ein gutes Zeichen für den Standort Spanien und reaktiviere womöglich auch Projekte, die aus verschiedenen Gründen derzeit auf Eis liegen, hofft die Zeitung. Mit Enel Green Power, Iberdrola Renovables und Acciona seien drei der fünf größten Stromerzeuger aus erneuerbaren Energien an der Madrider Börse notiert. In jedem Fall setze ein Börsengang von Enel Green Power in Spanien dem Integrationsprozess von Enel und Endesa des letzten Jahres die Krone auf, freut sich das Blatt.
Falsches Krisenmanagement
Die russische Zeitung Vedomosti vermisst eine klare Strategie der russischen Regierung bei der Bekämpfung der aktuellen Getreidekrise. Zwar würden taktische Entscheidungen, wie der Exportstopp für Weizen, im Eiltempo getroffen. Oft seien diese aber nicht zu Ende gedacht. So sei zum Beispiel in einigen südlichen Regionen die Ernte sogar noch höher, als in den Jahren zu vor. Die Getreideproduzenten aus dem Süden Russlands müssten nun allerdings Käufer im Inland finden. „Es ist offensichtlich, dass ein Exportstopp keine Garantie dafür ist, dass das Getreide beim inländischen Konsumenten ankommt“, schreibt das Blatt. Es müsse vor allem auch das Transportproblem gelöst werden, denn riesige Mengen Weizen steckten etwa in Häfen fest, wo sie auf den Export gewartet hätten. Die Verantwortlichen verwiesen ironischerweise auf den freien Markt in dem sich Käufer und Verkäufer selber finden müssten. „Die Regierung muss sich endlich im Klaren sein, ob sie für eine strenge Regulierung oder für den freien Markt ist“, fordert das Blatt.
Gigantomanie im Rohstoffsektor?
Auf den ersten Blick seien neun Milliarden Dollar bloß eine kleine Transaktion für die Rohstoffbranche kommentiert Frankreichs La Tribune das Angebot Vedantas zur Übernahme einer Kontrollmehrheit am indischen Erdölproduzenten Cairn India. Die Expansion des Rohstoffkonzerns ins Ölgeschäft sei ungewöhnlich, aber ein strategisch kluger Schritt, wenn man bedenke, wie extrem energieintensiv diese Branche arbeite. Warum nicht gleich ein ganzes Unternehmen kaufen, um sich gegen die Preisschwankungen beim Erdöl abzusichern? Die Übernahme zeige aber auch den enormen „Appetit“ der Rohstoffbranche, zu expandieren und das eigene Portfolio zu diversifizieren. Nach einer kurzen krisenbedingten „Diät“ trällerten sämtliche Rohstoffgiganten wieder „la vie en rose“. Alleine im ersten Trimester habe die Branche über 20 Milliarden Euro für Akquisitionen oder Fusionen ausgegeben. Gehe es in diesem Rhythmus weiter, werde 2011 wohl als neues Investitions-Rekordjahr in die Geschichte des Rohstoffsektors eingehen.
Fundstück: Nation von Schlawinern
Das Wirtschaftsblatt hat eine Besonderheit der Österreicher ausgemacht. Das Alpenvolk sei nämlich eine Nation von Schlawinern. Die Kaste der Politiker und die sie umgebenden Satrapen in staatsnahen Betrieben lebe es den Ösis seit Jahrzehnten vor, wie es funktioniert: „Ein bisserl was geht immer“. Das „Bisserl“, vom AKH-Skandal bis zur Hypo-Affäre, ufere den Schaden betreffend dann meist in die Milliarden aus. Es sei österreichische Polit-Kultur, dass der in die Lucona-Affäre tief verstrickte Innenminister heute noch immer als Pensionistenvertreter für seine Partei aktiv sei. Kein Wunder also, wenn die schon etwas ergraute „Buberlpartie“ samt Kumpanei emsig von einem Seitenblicke-Termin zum nächsten hetzt. Man sehe sich von den Medien und einer „Skandaljustiz“ verfolgt, aber nicht im Unrecht. Das sei verständlich: „Wer in Österreich einen Kaugummi klaut, ist ein Krimineller. Wer ein paar Milliönchen einstreift und dieselbigen hinterzieht, ist zumindest in seinen Kreisen ein Held“.
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