Die internationale Wirtschaftspresse zeigt sich gespalten angesichts der Zahlen zum Wirtschaftswachstum und zum Haushaltsdefizit in Deutschland. Marker wittert einen neuen Ölkrieg in Osteuropa. L’Expansion untersucht die überraschende Fusionitis in der Wirtschaft. Fundstück: Die Drogen der Banker.
Das Statistische Bundesamt hat gestern seine erste Berechnung von Mitte August bestätigt und das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von April bis Ende Juni real auf 2,2 Prozent taxiert – das größte Plus seit der Wiedervereinigung.
Die britische Financial Times wundert sich, dass die deutschen Verbraucher auf dem Höhepunkt der Krise offenbar viel einkaufen gegangen sind. Die Ausgaben der Verbraucher seien im zweiten Quartal um 0,6 Prozent gestiegen, nach drei Quartalen in Folge mit Rückgängen. Zwar sei dieser Faktor nicht so wichtig gewesen wie die Stärke des Exports, „doch das ist dennoch eine große Sache für Deutschland, wo die Verbraucherausgaben bekanntermaßen träge sind, selbst in Boom-Jahren.“ Dies sei auch eine gute Nachricht für den Rest Europas, weil sie darauf hinweise, dass die Erholung der größten Wirtschaft auf dem Kontinent sich ausweiten könnte. In den kommenden Monaten werde es darauf ankommen, ob sich das Konsumklima eintrüben werde, sobald das deutsche Wachstum unvermeidlicherweise verlangsame und die Auswirkungen der Flaute in den USA zu spüren sein werden.
Weitaus verhaltener kommentiert das Wall Street Journal die jüngsten Zahlen zur Verschuldung und zum Wachstum in Deutschland. Dass die Zahlen zum deutschen Defizit doch nicht so hoch ausgefallen seien, wie von der Regierung zu Jahresbeginn befürchtet, ändere nichts an der Tatsache, dass Deutschland verpflichtet sei, fünf Jahre lang die öffentlichen Ausgaben zu beschneiden. „Wenn nicht ein Wunder die für ihren Geiz berühmten Deutschen dazu verführt, hier unbeschwert Güter aus Südeuropa einzukaufen oder dort in den Urlaub zu fahren, wird der Anschein des Wachstums in der Euro-Zone sehr kurzlebig sein“, lautet das Fazit des US-Blatts.
Die Wirtschaftswoche geht nicht davon aus, dass die Produktion von Gütern und Diensten in Deutschland längerfristig mit demselben hohen Tempo weiter wachsen werde. Gleichwohl ziehe sich die Erholung durch weite Bereiche der Wirtschaft und stehe insofern auf einem relativ breiten Fundament. Der starke „Rebound“ nach dem historischen Einbruch sei auch staatlichen Konjunkturhilfen und Rettungsprogrammen zu verdanken. „Nicht umsonst eifern andere Länder etwa dem Erfolgsmodell Kurzarbeit nach.“ Kehrseite des Wachstums per Wirtschaftseingriffe seien die explodierenden Staatsschulden.
Europa geht Probleme an
„Europa packt den Stier bei den Hörnern“, staunt die Business Times aus Singapur über die Aktivitäten der 16 Eurozonen-Länder: mitten im noch recht schwachen Aufschwung werde ein Sparkurs vorangetrieben, um die Verschuldung in der Eurozone schrittweise von 88 auf 60 Prozent zu reduzieren. Die jeweiligen nationalen Parlamente hätten dem Kurs bereits zugestimmt. Schmerzhafte Einschnitte stünden nun an, um das Ziel zu erreichen. Deutschland kürze drastisch bei den Sozialausgaben, Frankreich friere ab 2011 für zwei Jahre die öffentlichen Ausgaben ein und erhöhe das Rentenalter. Alle vereine der politische Wille, den Sozialstaat zu verschlanken. Die Europäer seien in dieser Hinsicht bislang immer großzügig gewesen, doch die Rezession habe gezeigt, dass dies nicht mehr so weitergehen könne. Dieser Ansatz zur Sanierung der Haushalte könne durchaus den Unmut der Menschen herausfordern, doch man dürfe annehmen, dass der Durchschnitts-Europäer genau wisse, dass das Sozialsystem nicht auf dem freizügigen Level aufrechterhalten werden könne. Und es sehe so aus, als ob das europäische System und die Mehrheit der Bevölkerungen die bittere Pille schlucken werden.
Neuer Ölkrieg in Osteuropa?
Das russische Wirtschaftsportal Marker sieht einen neuen Ölkrieg zwischen den Nachbarstaaten Russland und Weißrussland heraufziehen. Hintergrund: Moskau möchte verhindern, dass Minsk vom Ölreichtum und vom zollfreien Import russischer Energieträger profitiere. Das Wirtschaftsministerium halte es für angemessen, dass ein Teil der Einnahmen aus dem Weiterverkauf russischer Energieträger durch Weißrussland zurück an den russischen Fiskus fließen. Ein ähnliches Abkommen zwischen den beiden Staaten habe es bereits 1995 gegeben. Doch die Weißrussen hätten sich geweigert zu zahlen. Nach den Vereinbarungen von damals hätte Russland rund 85 Prozent der Einnahmen aus den Exportzöllen für weißrussische Ölprodukte bekommen. „Heute handelt es sich um noch größere Summen, und man sollte nicht davon ausgehen, dass Alexander Lukaschneko nach der Pfeife der russischen Regierung tanzt“, prophezeit die Seite.
Sommerliche Übernahmegelüste
„Fusionen – und Übernahmen, wohin auch immer man schaut“, wundert sich Frankreichs Wirtschaftsmagazin L’Expansion. Trotz verhaltener Wirtschaftskennzahlen sei der M&A-Markt in den vergangenen Wochen nahezu explodiert. „Wie passt das zusammen“, fragt sich das Blatt. Die Insider der Branche verwundere dieser scheinbare Widerspruch aber keineswegs. In Wahrheit habe die derzeitige „Fusionitis“ ihre Ursache in der vorangegangen Krise. Viele Unternehmen hätten in dieser Zeit ihre Bilanzen konsolidiert und seien nun für Investoren überaus attraktiv. Der niedrige Zinssatz aber auch die Tatsache, dass viele Unternehmen an der Börse als unterbewertet gelten, begünstige die feindliche Übernahmen. Zudem zeige der brodelnde Übernahmemarkt, dass die Unternehmen und auch der Bankensektor an einen bevorstehenden Aufschwung glaubten. Denn ohne funktionierenden Kreditmarkt und der finanziellen Unterstützung der Finanzinstitute könnten „Deals“ in diesem Ausmaß gar nicht zustanden kommen. Doch es gebe auch pessimistische Stimmen, die die Expansionsgelüste auf eine mangelnde Binnen-Nachfrage zurückführten: Nur eine ausreichende Größe ermögliche die erfolgreiche Belieferung der Auslandsmärkte. Und letztendlich hätten Übernahmen immer das Ziel, Mitbewerber zu „schlucken“ und höhere Produktpreise durchzusetzen. Ein hohes Preisniveau sei in diesen Zeiten allerdings nicht gerade der richtige Weg, die Krise hinter uns zu lassen, so das Blatt.
Lufthansa und Spanair bleiben Partner
„An Spanair gefällt uns alles, trotzdem wollen wir im Moment nicht kaufen“, zitiert die spanische Wirtschaftszeitung Expansión Karsten Benz, Vizepräsident bei Lufthansa. Seit eineinhalb Jahren sei die deutsche Fluggesellschaft Spitzenreiter bei der Übernahme ausländischer Airlines und habe ungeachtet der schwersten Krise in der Luftfahrtindustrie mit der Übernahme von Austrian Airlines, Brussels Airlines und der britischen BMI weiter kräftig investiert. In den nächsten zwei Jahren wolle sich Lufthansa vor allem darauf konzentrieren, die Neuzugänge in die Unternehmensgruppe einzugliedern. Davon abgesehen investiere Lufthansa nicht in Airlines, sondern in Märkte und sei mit der Geschäftsentwicklung des eigenen Angebots in Spanien im Moment sehr zufrieden, so Benz. Schon deshalb komme wohl eine Übernahme des Star Alliance Partners Spanair derzeit nicht zur Debatte, schlussfolgert die Zeitung.
Applaus für Deutsche Post
Für die Financial Times Deutschland ist die Übernahme des Internet-Werbedienstleisters Nugg.ad durch die Deutsche Post ein „kluger Schritt“. Noch seien die Bonner zwar mit vergleichsweise wenig Aktivitäten im Netz vertreten. Doch der neue Online-Briefs, der Kauf von Nugg.ad und einige andere kleinere Vorstöße im Netz zeigten, wie ernst es den Bonnern mit dem Vorhaben sei, unabhängiger vom immer stärker schrumpfenden Briefgeschäft zu werden.
Fundstück: Die Drogen der Banker
An der Wall Street hat die Finanzkrise noch für ganz andere Umwälzungen gesorgt. So sank die Zahl der Banker und Finanzleute, die mit Kokain erwischt wurden, zwischen 2007 und 2009 von 16 auf 7 Prozent, berichtet das Wall Street Journal. Dagegen sei die Zahl der Fälle von Marihuana-Missbrauch sprunghaft angestiegen. Die Zahlen seien jetzt vom New Yorker Unternehmen Sterling Infosystems Inc, veröffentlicht worden, das im Auftrag vieler Wall-Street-Firmen deren Mitarbeiter auf Drogenmissbrauch untersuche. Grundsätzlich sei die Finanzbranche jedoch relativ sauber – jedenfalls, was die Drogen angehe.
Mitarbeit: Kerstin Herrn, Florian Käfer, Maxim Kireev, Fridolin Pöschl
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