Der Vorstand der Bundesbank hat die Entscheidung über die Zukunft von Thilo Sarrazin vertagt. Doch die Debatte wird weiter mit viel Vehemenz geführt, inzwischen sogar auf internationaler Ebene: Muss Sarrazin gehen? Wie groß ist der Schaden bei der Bundesbank? Wie stehen die Chancen von Axel Weber auf dem Weg an die EZB-Spitze? Die wichtigsten Stimmen in der Presseschau.
Die Affäre Sarrazin habe große Auswirkungen in ganz Europa, versichert die britische Financial Times . Anders als zunächst angenommen sei die Bundesbank mit der Einführung des Euro nicht in die Bedeutungslosigkeit zurückgedrängt worden, sondern habe eine entscheidende Rolle bei den Kapitalmarkt-Maßnahmen des Kontinents behalten. Und eben jenes Ansehen der Bundesbank, ihr Platz als berühmteste Institution in der deutschen Nachkriegsgeschichte, sei gefährdet. Die Entfremdung Sarrazins innerhalb des Bundesbank-Vorstands beeinträchtige die Vorgehensweisen der Bank bezüglich der wirtschaftlichen und monetären Union. „Ihr Vorstand kann nicht normal funktionieren, wenn eines ihrer Mitglieder ein Halb-Abtrünniger ist.“
Sarrazin müsse freiwillig den Hut nehmen und sich entschuldigen, fordert Bloomberg – ansonsten dürfe man ihn getrost einen „Spinner“ nennen. Kein deutscher Politiker oder Zentralbanker dürfe über „jüdische Gene“ diskutieren – es wäre viel klüger, dieses Thema den Biologen und Genetikern, statt den Zentralbankern zu überlassen. „Fazit des Wirtschaftsdiensts: Sarrazin habe seine berufliche Funktion ausgenutzt, um sein „aufhetzendes Buch“ zu bewerben. „Würde er zurücktreten, dann zeigte er, dass er der Bundesbank weiterhin Respekt gegenüber ihrem Ansehen in der deutschen Gesellschaft erweist. Das ist es, was ein wahrer Patriot tun würde.“
Axel Weber, Chef der Bundesbank, könnte nicht nur wegen eines für seine steilen Thesen bekannten Vorstandsmitglieds auf dem Weg zur EZB-Spitze ins Stolpern geraten, meint das Wall Street Journal. Seine Kritik an dem von der EZB beschlossenen Ankauf von Staatsanleihen habe zu Spannungen in der EZB-Führungsetage geführt. Auch Webers kürzlich per Fernsehinterview übermittelter – aber eigentlich nicht spruchreifer – Ausblick auf die EZB-Strategie bis 2011 werde von einigen Zentralbankern als Fauxpas gewertet. Vor diesem Hintergrund könnte am Ende ein anderer Kandidat bei der EZB zum Zuge kommen, sei es Webers Rivale Mario Draghi oder ein Kompromisskandidat wie der Portugiese Vitor Constancio, mit dem die „geografische Balance“ innerhalb der Spitzenämter der EU berücksichtigt würde.
Das Autorenblog Carta hofft, dass sich die Diskussionskultur durch die Sarrazin-Affäre verbessern wird. Dabei sollte klar werden, dass Kategorisierungen wie die, dass Rassismus dem rechten Spektrum zuzuordnen ist, ihrer Sinnhaftigkeit beraubt sind. „Der Rassismus ist quer durch die Gesellschaft vertreten, er sucht sich allenfalls verschiedene Opfer, je nach persönlichen Überzeugungen und Ängsten. Thilo S. vom Vorwurf des Rassismus freizusprechen, weil dieser sich ja bloß auf einen hundert Jahre alten biologistischen Diskurs berufe, ist eine Bankrotterklärung für die Diskursmacht unserer Leitmedien.“
Die Financial Times Deutschland fürchtet dagegen, dass die politische Konsequenz aus der Sarrazin-Debatte der Fatalismus ist. „Fatalismus sucht nicht mehr nach Lösungen, ringt nicht mehr um die besten Ideen, Fatalismus schottet sich ab, geht nicht wählen, untergräbt den demokratischen Prozess.“
Auch die Frankfurter Rundschau spricht sich für eine Ablösung von Sarrazin aus. Doch die „Gesellschaft der Gutwilligen“ dürfe dann nicht wieder einschlafen, wenn der Lärm vorüber sei. „Sie muss die Hilferufe, die Sarrazin aufgreift und verzerrt, endlich hören. “
Fundstück: Brief an den Geächteten
In seiner täglichen Kolumne zeigt Bild-Autor Franz Josef Wagner ein bisschen Mitleid mit Sarrazin. „Ich erinnere mich nicht, dass jemals ein Mensch so wie Sie am Pranger stand. Weder ein Mörder, Sittlichkeitsverbrecher, Kinderschänder.“ Wagner selbst differenziert in seinem Brief an den Bundesbanker, dessen Ächtung erfolgt sei, als er von einem Gen der Juden gesprochen habe. „Ihr Buch ist wichtig. Aber was Sie in dem Interview über die Juden sagten, ist scheiße, beschämend, widerlich.“
ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird.



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