„Das Weiße Haus hat kapituliert“

Die internationale Wirtschaftspresse kritisiert das Infrastrukturprogramm von US-Präsident Barack Obama und spricht sich mehrheitlich für die Fortsetzungvon Steuersenkungen aus. Mark Hurd passe ideal zu Oracle, meint Fortune. Cinco Dias zeigt die düsteren Aussichten für Sonnenenergie in Spanien. Vedomosti beschreibt die unbesiegbare Öllobby Russlands. Fundstück: “Sehen Sie nicht, dass ich arbeite?”

Als Reaktion auf die flaue US-Konjunktur hat US-Präsident Barack Obama ein 50 Milliarden Dollar schweres Infrastrukturprogramm angekündigt, das über sechs Jahre laufen soll und auf eine Modernisierung des Straßennetzes, der Eisenbahnlinien sowie Flughäfen und damit auf die Schaffung von Arbeitsplätzen abzielt. Am heutigen Mittwoch will Obama in Ohio neue Vorschläge machen, um die lahme Konjunktur wieder in Fahrt zu bringen. Dabei will sich Obama für umfassende Steuererleichterungen für kleine und mittlere Betriebe stark machen.

Obama habe mit seiner gestrigen Rede vor Gewerkschaftern eher Wahlkampf betrieben, statt einen ernsthaften Stimulus-Vorschlag zu unterbreiten, kommentiert die britische Financial Times – die Chancen, dafür die Zustimmung des US-Kongress’ zu erhalten, liefen gegen null. De facto habe das Weiße Haus, das sich darauf konzentriere, die eigenen Anhänger im Vorfeld des Kongresswahlkampfes hinter sich zu formieren, „kapituliert“. „Das sind schlechte Nachrichten für die US-Wirtschaft. Da die Erholung der Wirtschaft abgewürgt wird, ist ein weiterer Stimulus erforderlich, und vor dem Hintergrund der niedrigen Leitzinsen und Inflationserwartungen können sich die USA das auch leisten“, versichert die FT. Als Ausweg aus der Misere schlägt das Blatt eine temporäre Senkung der Lohnsteuer sowie eine Fortsetzung der von George W. Bush eingeführten und am Jahresende auslaufenden Steuersenkungen vor.

„Zu wenig und zu spät“, bilanziert CNN Money den neuen Versuch der US-Regierung, die Wirtschaft wieder anzukurbeln. „Ich glaube nicht, dass die neuen Vorschläge eine Wende herbeiführen werden“, zitiert der Wirtschaftsdienst Mark Zandi, Chefökonom von Moody’s Analytics. Das Hauptproblem bestehe darin, dass die Firmen keine neuen Stellen schaffen würden. Und daran werde sich nichts durch die Steuererleichterungen für die Betriebe ändern – im Gegenteil, dies könne sogar zum Abbau weiterer Stellen führen, sollten die Unternehmen Technologie aus dem Ausland einkaufen, um ihre Produktivität zu erhöhen, statt mehr US-Arbeiter einzustellen. Nach Einschätzung vieler Ökonomen sei die Fortsetzung der Steuerkürzungen für Familien mit einem Jahreseinkomen unter 250.000 Dollar, die seinerzeit von Präsident George W. Bush eingeführt wurden, das beste Mittel im Kampf gegen die Double-Dip-Rezession.

„Traut Barack Obama den Ökonomen etwa nicht über den Weg?“, fragt die Financial Times Deutschland auf der Suche nach den Gründen, warum Obama ein neues Konjunkturaufpäppelungsprogramm nach dem anderen auf den Weg bringe. Zwar versicherten die meisten Volkswirte, dass es sich bei der jüngsten Wachstumsverlangsamung bloß um eine typische Verschnaufpause im Zyklus handele. Andererseits lägen die neuesten Schätzungen nur noch bei einem BIP-Plus von 1,5 Prozent – weit entfernt von den ursprünglichen Prognosen eines Anstiegs gen drei Prozent. In dieser Situation sollten sich die Ökonomen damit nützlich machen, dass sie Obama daran erinnerten, dass vorübergehende steuerliche Investitionsanreize im besten Fall ein Strohfeuer entfachten, wie bei Abwrackprämien und Hauskaufzuschüssen zu sehen gewesen sei. „Im schlechteren Fall könnten die Firmen aber auch versucht sein, nur noch mehr Rationalisierungsinvestitionen vorzunehmen – auf Kosten der Steuerzahler“, argumentiert das Blatt auf einer Linie mit CNN Money.

Mark Hurd passt ideal zu Oracle

Fortune hinterfragt den Wechsel von Ex-HP-Chef Mark Hurd zum Rivalen Oracle, auf den die Wall Street enthusiastisch reagiert habe – die Aktie von Oracle sei um fünf Prozent in die Nähe des 52-Wochen-Hochs gestiegen. Nicht nur sei Hurd eine gute Ergänzung zum Konzernchef Larry Ellison und zur Co-Präsidentin Safra Catz. Hinzu komme, dass Hurd der richtige Mann sei, um die Löcher in der Lieferkette des IT-Konzerns zu schließen – aktuell übersteige die Nachfrage einiger Hardware-Produkte das Angebot. Schließlich erhalte Oracle mit Hurd einen Firmenlenker, der bisher auf höchster Ebene mit den Wettbewerbern von Oracle gerungen habe. Dass HP den Ex-Chef gerichtlich von Oracle fernhalten wolle, sei wenig aussichtsreich – bestenfalls könne das Unternehmen den Wechsel verzögern. „Es wäre ein Fehler anzunehmen, dass Oracle Hurd entweder für seine Visionen oder für seine Kenntnis der HP-Strategie holt, die HP bereits jedem Zuhörer mitgeteilt hat. (…) Oracle hat schon eine Vision. Larry Ellison hat eine größere Vision als fünf Silicon-Valley-Chefs zusammen.“

BMW startet Modell-Offensive

Bloomberg berichtet über die ehrgeizigen Ziele von BMW. Der Autobauer wolle mit einer erweiterten Modellpalette bei BMW und Mini den Jahresumsatz in den kommenden zehn Jahren um 55 Prozent auf dann über zwei Millionen Autos erhöhen und so die Wettbewerber Volkswagen und Daimler „abwehren“. Besonders die Ausweitung der 6er-Serie und der Mini-Modellreihe sowie ein neues batteriebetriebendes Fahrzeug für den Stadtverkehr (ab 2013) sollen den Absatzschub bringen, zitiert der Wirtschaftsdienst BMW-Chef Norbert Reithofer. Mit Blick in die Zukunft erwäge der CEO den Bau eines neuen Produktionsstandortes sowie die Erweiterung der bestehenden Fabriken in Indien, Russland und Thailand.

Düstere Aussichten für Sonnenenergie in Spanien

Nach Auffassung der Wirtschaftszeitung Cinco Días steht es schlecht um den Zustand des Solarenergiesektors in Spanien. Trotz der Tatsache, dass Spanien über mehr Solaranlagen verfüge, als fast alle anderen Länder weltweit, komme ein Großteil der Investitionen aus Deutschland, Italien und Frankreich. Das ergebe eine Studie der Europäischen Kommission zum Zustand der Solarindustrie in Europa. Hinzu komme, dass Spanien im Jahr 2009 aufgrund geänderter Förderrichtlinien lediglich einen Zuwachs von 100 Megawatt verzeichnen konnte; eine Zahl, die angesichts der 3500 Megawatt aus neuinstallierten Solarstromanlagen des Vorjahres sehr gering sei, resümiert die Zeitung. Im Gegensatz zu Spanien sei in Deutschland die Investition in Solartechnologien trotz reduzierter Fördermittel stabil geblieben.

Russlands unbesiegbare Öllobby

Die russische Zeitung Vedomosti konstatiert die Ohnmacht der russischen Gerichte in der Auseinandersetzung zwischen dem Ölkonzern Gazprom-Neft und der Antimonopolbehörde. Die Aufseher wollten die Ölkonzerne Gazprom-Neft, Lukoil,Rosneft und TNK-BP wegen künstlich hoher Benzinpreise mit insgesamt 600 Millionen Euro bestrafen. Der Fall landete beim Obersten Gerichtshof, der der Monopolbehörde unerwartet recht gab. Plötzlich habe sich die Regierung für eine außergerichtliche Einigung zwischen der Ölindustrie und den Behörden stark gemacht, was die Konzerne deutlich weniger kosten dürfte. „Nicht einmal das Oberste Gericht ist stärker als die Macht der Öllobby in Russland“, schreibt die Zeitung bestürzt. Das Gerichtssystem sei ein weiteres Mal vor den Augen der Unternehmergemeinschaft diskreditiert worden.

Fundstück: “Sehen Sie nicht, dass ich arbeite?”

Echt ärgerlich, dass einen der Chef immer beim Spielen am Computer stören muss. Die Seite cantyouseeimbusy.com macht ihrem Namen alle Ehre: Die auf der Webseite angebotenen Browser-Spiele werden in ziemlich langweilige Tabellen und Diagramme integriert, die intensive Arbeit vortäuschen. Demnächst kann man also dem Boss ein “Sehen Sie nicht, dass ich arbeite?” zuraunen und ohne schlechtes Gewissen weiterspielen.

Für Handelsblatt.com zusammengestellt von » ecolot.de

Mitarbeit: Florian Käfer, Maxim Kireev

ecolot.de stellt börsentäglich für handelsblatt.com eine internationale Presseschau zusammen, die dort gegen 11 Uhr und nachmittags auf ecolot.de veröffentlicht wird.

0 Kommentare zu “„Das Weiße Haus hat kapituliert“”


  1. Keine Kommentare

Kommentar schreiben




Internationale Wirtschaftsnachrichten